Von Richard Schmid

Theodor Lessing: "Einmal und nie wieder. Lebenserinnerungen", mit einem Vorwort von Hans Mayer; Bertelsmann Sachbuch-Verlag, Gütersloh 1969; 447 Seiten, 24,– DM.

Der Autor muß einer heutigen Leserschaft zuerst vorgestellt werden. Schon um ihn deutlich vom Gotthold Ephraim zu unterscheiden. Die Namensgleichheit war dem Theodor zeit seines Lebens eine Verlegenheit, weshalb er zum Beispiel sein erstes poetisches Werk unter dem Namen Lensing publizierte. Er hielt den Namen Lessing, den seine jüdischen Vorfahren aus Verehrung für den Dichter des "Nathan" angenommen hatten, selber für ein Hindernis. Käme, so schreibt er im Vorwort eines seiner Werke, ein noch so bedeutender Philosoph mit dem Namen Kant daher, er würde nicht nach Verdienst anerkannt werden. Theodor Lessings bedeutendstes Werk "Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen" (1919 erschienen, 1921 mit dem Strindberg-Preis ausgezeichnet) hat mehrere Auflagen erlebt und ist auch nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgelegt worden. Aber der heutigen mittleren und jungen Generation ist er entschwunden; eines der vielen noch wirksamen Vermächtnisse der Nazis, die Grund hatten, ihn zu hassen, ihn bis in die Emigration verfolgten und durch SD-Agenten im August 1933 in Marienbad ermorden ließen.

Lessing ist 1872 in Hannover als Sohn eines Arztes geboren; er war seiner Heimatstadt mit geradezu selbstmörderischer Treue anhänglich. Er hat dort das Gymnasium besucht, danach hat er Medizin studiert, den Arztberuf aber nur als Militärarzt im Ersten Weltkrieg ausgeübt; später war er eine Zeitlang Lehrer, dann Dozent für Philosophie an der Technischen Hochschule seiner Heimatstadt. Sein Schulkamerad und engster Freund, später Feind, war der Lebensphilosoph Ludwig Klages – diese Beziehung, der der letzte Abschnitt der Erinnerungen gewidmet ist, gewährt für sich schon einen tiefen Blick in den Geist und die philosophischen Kontroversen jener Zeit.

Die Feindschaft der Völkischen und der nationalistischen Studenten und Professoren, gegen die ihm übrigens die damalige preußische Regierung keinen wirksamen Schutz gewährte, geht unter anderem auf die Wahl Hindenburgs zum Reichspräsidenten im Jahre 1925 zurück. Lessing hatte sich in einem Zeitungsartikel gegen die Kandidatur seines Hannoveraner Mitbürgers Hindenburg gewandt und darin eine Beschreibung von dessen Rolle, Charakter und Geistesart gegeben, die ich für das weitaus Beste und Tiefste halte, was je über Hindenburg geschrieben wurde. Sie ist später, als die Hetze und die Vertreibung Lessings von der Hochschule, mit Erfolg übrigens, im Gange war, mit einem langen Vorwort von Maximilian Harden, einer Verteidigungsschrift Lessings selbst und einem Nachwort von Herbert Eulenberg als Broschüre erschienen. Der Schluß des Artikels enthält eine großartige prophetische Pointe:

"Ein Philosoph würde mit Hindenburg ... nicht den Thronstuhl besteigen. Nur ein repräsentatives Symbol, ein Fragezeichen, ein Zero. Man kann sagen: ‚Besser ein Zero als ein Nero.‘ Leider zeigt die Geschichte, daß hinter einem Zero immer ein künftiger Nero verborgen steh:."

Aber wie Harden in seinem Vorwort sagt: Recht behalten ist das Schlimmste; "Raubmord verjährt schneller als diese Todsünde".