Landsleute

Ich komme aus dem Rheinland", sagte der Landsmann. "Ich bin mit einer Reisegesellschaft hierher nach Bulgarien gefahren und habe die Abfahrt des Busses verpaßt. Mein ganzes Gepäck und meine Papiere sind im Bus. Mein Geld hat gerade noch für die Fahrkarte hierher nach Sofia gereicht. Meinen Paß wird der Reiseleiter an der Grenze nach Jugoslawien deponieren, das wird in solchen Fällen so gemacht. Ich arbeite in Dortmund bei einer Kranfirma und muß in drei Tagen wieder anfangen. Könnten Sie mir für die Rückfahrt etwas Geld borgen?"

Kann man einen Landsmann im Ausland im Stich lassen? Kann man einen in Not geratenen Rheinländer (Schwaben, Hessen, Holsteiner – einen Bayer) in Bulgarien (auf einer Fernstraße in Südfrankreich, an einer Eisbude in Oberitalien) abweisen? Ich helfe Ihnen nicht!

Der gleiche Reisepaß, dieselbe Muttersprache sind eine Verpflichtung – die Gauner bauen darauf. Die Gauner, die Saison für Saison an den Urlaubsplätzen dieser Welt Mitleidige suchen und Opfer finden.

Man gibt: gegen Vorlage des Personalausweises, des Impfpasses und gegen das Angebot, die Uhr als Unterpfand mitnehmen zu dürfen. Man gibt einen Fünfziger, einen Hunderter (und nimmt die Uhr, natürlich, nicht!), und man schielt verstohlen nach der Autonummer ... man möchte nicht als mißtrauisch gelten, das könnte den anderen verletzen. Man gibt gegen ein "Vergelt’s Gott" und viele Versprechen.

Und man bekommt in neun von zehn Fällen nichts wieder. Die angegebene Adresse ist falsch; die Mahnung kommt zurück: "Empfänger unbekannt." Das Einwohnermeldeamt bestätigt: "Abgemeldet. Unbekannt verzogen!" Das Auto war ein Mietwagen.

Hilfsbereitschaft ist schamlos ausgenutzt worden. Man gibt fortan nichts mehr. Nie mehr. Und hat ein schlechtes Gewissen dabei; der andere könnte wirklich in Not sein, ein Landsmann – ein ehrlicher – sein, der die Skrupellosigkeit von Gaunern nun büßen muß. Er könnte ...