Brüssels Selbstbewußtsein hat einen Stoß bekommen. Präsident Jean Rey und die Mitglieder seiner EWG-Kommission fürchten um ihre Autorität. Daß nach den Franzosen nun auch die Deutschen über die Köpfe der Bürokraten hinweg zu handeln wagten, geht ihnen an den Nerv. Sie schlugen Alarm, als die Bundesregierung sich "selbstherrlich", ohne Brüssel zu fragen, nach der Freigabe des DM-Wechselkurses vom Zug des Agrarmarktes der EWG abkoppelte.

Der einzig existente Kern des neuen Europas war in Gefahr. Mit einem Schlage fiel der Agrarmarkt zurück in den niederen Rang bilateralen Tauschverkehrs zwischen Italien und den Benelux-Ländern. Auf der Ratssitzung in Luxemburg konnten die Minister Schiller und Höcherl ihre EWG-Kollegen vom "Zugzwang" der Bundesrepublik überzeugen und ihre Nachsicht bis zur Neubildung des Bundeskabinetts nach dem 21. Oktober gewinnen. Danach soll die Bundesrepublik mit einer neuen Parität der Mark zum Dollar ihren agrarpolitischen Ausstand wieder beenden.

Die Sorge darüber, daß der Gemeinsame Markt in eine Zollunion ohne politisch einigenden Effekt denaturieren könnte, bleibt aber bestehen. Ein so kompliziertes und umstrittenes Gebilde wie die Agrarordnung der EWG wird leicht zerrieben, solange die EWG-Länder nicht willens sind, ihre Wirtschaftspolitik zu synchronisieren. Jetzt rächt sich, daß niemand bereit war, wenigstens auf ein Mindestmaß an Souveränität zu verzichten. my