Im "Interesse der Nation" bleibt ein Mord in Vietnam ungesühnt

Von Joachim Schwelien

Washington, im Oktober

Oberst Robert B. Rheault, Berufsoffizier seit 28 Jahren, Absolvent der Militärakademie von West Point und der Generalstabsschule des amerikanischen Heeres, schlank, rank, blond und kühn, baut sich vor den Fernsehkameras auf. Er agiert als Sprecher für die sechs seiner sieben Kameraden, die mit ihm aus Vietnam unverzüglich in die Heimat zurückgeflogen wurden, nachdem ein wegen Mordes gegen sie geleitetes Militärgerichtsverfahren überraschend eingestellt worden war.

Bald herablassend, bald leicht arrogant oder ausweichend beantwortet er die Fragen. Es gebe kein "schlüssiges" Beweismaterial für einen Mord, und eine Tötung sei überhaupt nicht erfolgt. Am besten sei es, die ganze Episode zu vergessen – allerdings nicht, daß die in sie verwickelten acht Offiziere und Unteroffiziere völlig rehabilitiert worden seien. Er schließt mit einer kleinen Belehrung, wie sie im Truppenunterricht nicht besser vorgetragen werden könnte: Ich bin überzeugt, Sie verstehen, daß es viele Fragen gibt, die wir nicht beantworten können, weil das nicht im Interesse der Armee, der Operationen in Vietnam und der Nation liegt. Ich glaube, es wäre ein schwerer Fehler, auf die Bekanntgabe weiterer Einzelheiten zu drängen. Wir jedenfalls werden das nicht tun."

Damit schließt Rheault seine Mitteilungen, salutiert knapp und eilt seinem dreißig Tage dauernden Urlaub entgegen. Ob er sich aber bei der Rückmeldung zum Dienst in seiner Erwartung bestätigt finden wird, die Uniform auch künftig, als "erstklassiger Bürger Amerikas" tragen zu können?

CIA und Offiziersehre