Warum in England soviel gestreikt wird

Von Franz C. Widmer

Sie sind die Mächtigsten im Land, die britischen Gewerkschaften. Harold Wilson und seine Ministerin für Beschäftigung und Produktivität, Barbara Castle, mußten sich den Trade Unions beugen, als sie die sprichwörtlich schlechten Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern mit einem Anti-Streik-Gesetz verbessern wollten; jede Regelung unterblieb, und statt dessen versprach der Trade Unions Congress (TUC), der Gewerkschaftsdachverband, "feierlich und bindend", die vielen Streiks im Lande fortan selbst zu bekämpfen – was er nun mit seinem neugewählten Generalsekretär Victor Feather an der Spitze seit dem letzten Juni praktisch vergeblich versucht. Lediglich einigen Toilettenfrauen konnte er bisher den Besen wieder in die Hand drücken; doch dies kümmert die Gewerkschaftsbosse wenig; Hauptsache bleibt, daß sie "gewonnen" haben und das ureigene demokratische "Recht auf Streik" bewahren konnten.

Aber nicht nur die Regierung steht den Gewerkschaften machtlos gegenüber. Weit über 2000 Betriebe und Unternehmen erleben jährlich die Stärke der Arbeiterführer und werden für kürzere oder längere Zeit lahmgelegt; den Managern bleibt meist nichts anderes übrig, als den Arbeiter-Forderungen stattzugeben – was der Gewerkschafter Ansicht, nur "gerechte" Wünsche gestellt zu haben, dann jeweils bestätigt. Um die Verluste der Unternehmen oder gar der gesamten Wirtschaft Großbritanniens kümmern sie sich nicht; Hauptsache bleibt, sie haben "gesiegt".

Und schließlich spüren auch die eigenen Mitglieder die harte Hand ihrer allmächtigen Verbände. Eine Werft beispielsweise, die jährlich über 200 000 Arbeitsstunden wegen Absenzen und Unpünktlichkeit ihrer rund 1000 Angestellten verloren und deshalb eine Sonderprämie von acht Pfund für alle zuverlässigen Arbeitskräfte eingeführt hatte, mußte kürzlich einen ihrer Musterknaben unter dem Druck seiner eigenen Gewerkschaft entlassen. Seine Interessen Vertreter, die ihn "vor der Ausbeutung durch die Kapitalisten" beschützen wollten, verlangten von ihm, daß er den Bonus ablehne, da das Unternehmen die Prämie ohne Einverständnis der allmächtigen Gewerkschaft ausschütte. Als dies der Arbeiter verweigerte und auch die ihm deswegen von der Gewerkschaft auferlegte Buße nicht bezahlte, mußte er den Arbeitsplatz verlassen. Die Bosse hatten wieder einmal gezeigt, wer Herr ist im Hause.

Diese Beispiele mögen stellvertretend für das stehen, was die englischen Zeitungen tagtäglich spaltenlang über die "Geißel der Industrie" berichten. Das Image der Gewerkschaften ist in der Tat inner- und außerhalb Großbritanniens so schlecht, daß es sich einmal lohnen dürfte, dafür die Gründe zu suchen, Geschichte und Struktur, Stärken, Schwächen und Ziele der Trade Unions kurz zu betrachten.

Die industrielle Revolution vor rund 200 Jahren führte in Großbritannien sehr rasch auch zur Gründung der ersten Gewerkschaften. Gelernte Arbeiter in allen nur denkbaren Berufen waren es, die sich auf lokaler Ebene zusammenschlössen, um in der beginnenden Massenproduktion ihre Vorherrschaft gegenüber den ungelernten Arbeitskräften zu behaupten. Regionale, nationale und zentral geleitete Organisationen entstanden erst Mitte des 19. Jahrhunderts – im Kampf gegen Kinderarbeit, gegen 16-Stunden-Tage und die 7-Tage-Woche. Der Gewerkschaftsdachverband, der Trade Unions Congress, wurde 1868 gegründet als loser Zusammenschluß der Verbände aus den vielen Berufsgruppen und Gegenden. Sein Parliamentary Committee, als Vorläufer des heutigen General Council eine Art Exekutive, sollte in Verhandlungen mit Regierung und Parlament die Interessen der Arbeiterschaft wahrnehmen; es war die Zeit, als das Wort "Lobby", die Beeinflussung der Politiker in den Wandelgängen des Parlaments, seine volle Bedeutung erhielt.