Es begann mit der Norddeutschen Hochseefischerei AG in Bremerhaven. Als sie unter dem Druck hoher Verluste im Sommer dieses Jahres dem sicheren Untergang geweiht schien, kaufte eine bislang anonym gehaltene Schweizer Finanzgruppe zu Kursen von unter pari 90 Prozent des Aktienkapitals der Fischdampferreederei auf. Gleichzeitig wurden die Fischdampfer der Gesellschaft von einer Firma übernommen, die in Bad Oldesloe (Schleswig-Holstein) beheimatet ist. Für die Oldesloer trat ein Dr. Horst W. Murmann als Sprecher auf. Er ließ sich in den Vorstand der Bremerhavener Fischdampferreederei berufen. Die Fischdampfer wurden der Reederei von den Oldesloern verchartert und zum Teil in Ghana, zum Teil wieder im konventionellen Fanggebiet eingesetzt. Murmann handelte mit der Nestlé-Tochter Findus eine Abnahmegarantie aus.

Obwohl an der Transaktion namhafte Bremer Banken beteiligt waren, erschien sie der Bremer und der Hanseatischen Wertpapierbörse in Hamburg doch als so undurchsichtig, daß die Notiz für die Aktien der Norddeutschen Hochseefischerei (Nordhag) ausgesetzt und bislang nicht wieder aufgenommen wurde. Die Börsenvorstände wollen eine geprüfte Bilanz per 30. Juni 1969 sehen – und auch noch die späteren Zahlen kennen, ehe sie die Aktie wieder zur Börse zulassen wollen.

In diese vorläufig noch ungeklärte Situation platzt jetzt eine Offerte von Dr. Murmann, der für die Nordguß GmbH & Co, Kommanditbeteiligungs- und Entwicklungsgesellschaft für Wirtschaft und Handel KG, Bad Oldesloe, in ganzseitigen Zeitungsanzeigen und hübschen bunten Prospekten 50 Millionen Mark sucht, die man ihm als Kommanditanteile zur Verfügung stellen soll. Komplementär der Gesellschaft mit dem klangvollen und langen Namen ist die Nordguß GmbH & Co, Kommanditbeteiligungs- und Entwicklungsgesellschaft, Bad Oldesloe, mit einem Stammkapital von 1,5 Millionen Mark. Diese Komplementärin mit dem etwas kürzeren Namen ist eine Gründung der Nordguß GmbH, Bad Oldesloe – Stammkapital 1 Million –, und eines angesehenen Bad Oldesloer Bauunternehmens (Einlage 400 000 Mark),

Diese reichlich, komplizierte Konstruktion ist notwendig, so erklärt Dr. Murmann, um die Steuervorteile (Zonenrandgebiet und so weiter) voll ausschöpfen zu können. Das Stammkapital der Nordguß GmbH von 1,1 Millionen Mark will Murmann noch in diesem Jahr zum wesentlichen Teil an die Stahlwerke Mannheim AG und den Rest an eine nicht näher genannte Schweizer Gruppe veräußern. Gegenwärtig betreibt die Nordguß GmbH eine Gießerei, die früher Kampnagel AG, Hamburg, gehörte. Kampnagel ist inzwischen von der Demag übernommen worden. Mit der Oldesloer Betriebsstätte waren die Hamburger nie ganz glücklich gewesen. Im zweiten Halbjahr 1968 erzielte sie bei 130 Beschäftigten einen Umsatz von 130 Millionen Mark.

Mit den 50 Millionen einzuwerbendem Kapital will Murmann ein Investitionsvolumen von knapp 114 Millionen Mark finanzieren. Kreditzusagen der Banken sollen angeblich vorliegen. Das Geld wird dem Ausbau der Gießerei dienen, ferner das bestehende Kunststoffverarbeitungs-Unternehmen vergrößern, außerdem soll die von der Nordhag übernommene Fischereiflotte "ausgebaut" werden. Für die Fischereiflotte sind 37,4 Millionen Mark in Aussicht genommen.

Den Geldgebern stellt Murmann für die Jahre 1969, 1970 und 1971 ein Abschreibungsvolumen von 185 Prozent in Aussicht. Nach Oberwindung der Anlaufverluste will Murmann das eingezahlte Kapital von mindestens 70 Millionen Mark mit 8 bis 14 Prozent verzinsen.

Für Leute mit hoher Steuerprogression ein sicherlich verlockendes Angebot. Allerdings, so meine ich, meine verehrten Leser, mit einigen Schönheitsfehlern. Zunächst muß man wissen, daß die im Prospekt versprochenen Abschreibungen zunächst nur auf dem Papier stehen. Das schleswig-holsteinische Finanzministerium hat die Förderungswürdigkeit des Projektes noch nicht anerkannt. Ob Abschreibungen in der genannten Höhe zugelassen werden, bleibt also abzuwarten.