Von François Bondy

In diesem Jahr ist der Erzähler Louis Aragon – in französischen Ausgaben wird sein Vorname nie genannt – bei drei bundesdeutschen Verlegern erschienen (während der Lyriker Aragon bisher nur in der DDR mit einem nicht ganz befriedigenden Auswahlband vertreten ist) –

Louis Aragon: "Leere Spiegel", aus dem Französischen von Eva und Gerhard Schewe; Kindler Verlag, München; 549 S., 24,– DM

Louis Aragon: "Pariser Landleben", aus dem Französischen von Rudolf Wittkopf; Verlag Rogner & Bernhard, München; 275 S., Abb., 22,– DM

Albert de Routisie: "Irène", aus dem Französischen von Ilse Walther-Dulk und Robert Weisen; Propyläen Verlag, Berlin; 145 S., 18,–DM.

"Leere Spiegel" (der französische Titel "La mise à mort" meint die Tötung als letzten Akt der Corrida) folgt bei Kindler auf die vier Romane des Zyklus "Die wirkliche Welt" und auf den historischen Roman "Die Karwoche". Die beiden bedeutendsten dieser fünf großen Romane, "Die Reisenden der Oberklasse" und "Die Karwoche", wurden von Hans Mayer übersetzt.

In Beantwortung einer Umfrage des "Monat" über Verkaufsmißerfolge hat Kindler die Romane Aragons genannt, von denen in Frankreich manche sehr schnell in über hunderttausend Exemplaren abgesetzt wurden – das Jahr des "Dr. Schiwago" war in Frankreich zugleich das Jahr der "Karwoche". Nach dieser trüben Erfahrung hat der Verlag den neuen Roman gleich in sehr beschränkter Auflage gedruckt. Dabei sind die fünf vorher erschienenen Romane weder schwierig noch langweilig. Sie schließen bewußt an die großen Erzähler des vorigen Jahrhunderts an: an Stendhal, an Flaubert und an den von Aragon so geliebten Charles Dickens. Man kann sie unbefangen als Unterhaltungsliteratur von Qualität lesen. Die Kritikerin Claude-Edmonde Magny zählte sie zum middlebrow, zu jener angenehmen Lektüre, die höchste intellektuelle Ansprüche nicht stellt. "Leere Spiegel" ist allerdings nicht der Roman, durch den die bisherige Gleichgültigkeit der deutschen Leser überwunden werden könnte. Er ist, in Rückgriff auf Aragons früheste Manier, ein kapriziöser Spaziergang durch das Leben, die Lektüren, die Werke, Eindrücke und Träume des Autors und zugleich ein verspielter Essay über den Roman. Er setzt Verständnis für viele versteckte Hinweise und Kenntnis vieler Ereignisse voraus. Die Übersetzer haben zwar versucht, durch Anmerkungen nachzuhelfen, waren aber dieser Aufgabe nicht gewachsen. Was sie an Informationen bieten, ist zum Teil falsch (Edgar Allan Poe wird als Engländer, der Maler Picabia als Dichter vorgestellt), zum Teil läppisch (Jean Paulhan: ein "bürgerlicher Dichter und Kritiker", Vauban: ein Militäringenieur des 17. Jahrhunderts, baute Festungen in der ganzen Welt"), und dort, wo der Leser wirklich etwas wissen müßte, was er nicht nachschlagen kann – etwa über Aragons Roman "Anicet" oder über Michail Koltzow – wird er im Stich gelassen.