Von Wolfram Siebeck

Wieder einmal wird über Sinn und Zweck der Frankfurter Buchmesse diskutiert, als ob es da etwas zu diskutieren gäbe: In Frankfurt wird, wie es der Name schon sagt, für das Buch – für die Literatur also, unseren prominentesten Leichnam – eine Messe gelesen. Unter den Kulturträgern, die an den Büsten der Goethe, Gerhart Hauptmann und Grass vorbei die Weihestätte betreten, fallen die vielen Büttel auf, die sachverständig und ergriffen der Aufführung folgen. Sie haben ihre Kinder mitgebracht, langgelockte Studenten die meisten, um ihnen schon in der Jugend einen Begriff von der Größe des Verlustes zu geben. Dann beginnt mit zu Herzen gehendem Singsang der Börsenverein die Litanei, die Sortimenter fallen unisono mit ergreifendem tremolando ein, worauf die Verleger mit verhülltem Haupt in rhythmisches Schluchzen ausbrechen.

Angesichts von soviel Kummer und Schmerz scheint es vermessen, eine weitere Steigerung der Trauer, noch mehr Tränen zu erwarten. Und doch war es genau das, was die Messe in den Frankfurter Trauerhallen hinzugewann, als jetzt der geniale Rowohlt eine völlig neue Dimension in die diesjährige Aufführung brachte: Die Möglichkeiten der Multi-Media-Methode nutzend, ließ er über den Köpfen seiner Lektoren buchbeladene Ballons schweben. Das war wohl der kühnste und wegweisendste Regieeinfall, den je ein Verleger zu den Trauerfeierlichkeiten beisteuerte. Sinnfälliger konnte der Verzweiflung um die geliebte Literatur nicht Ausdruck gegeben werden als durch das pianissimo vorgetragene Reinbek-Motiv: "Gebrauchen Sie einen fingierten Absender und verstellen Sie Ihre Handschrift; sicher ist sicher!" Hinreißend, wie Rowohlt es versteht, ein Impressum wegzulassen, Zuständigkeiten zu verwischen, Auftraggeber unkenntlich zu machen. Wie unter seiner Regie Ideologie und Business sich harmonisch verbinden, wie schließlich das In-die-Trauer-Geworfensein seiner Lektoren zum Rausgeworfensein sich steigert, das macht ihm keiner nach! (Außer den anderen Unternehmern, die ihre belletristischen Ballons in den Westwind hängen.)

Überhaupt die Lektoren! Als letzten Überlebenden des Literatur-Massakers und nächsten Angehörigen der Toten sind sie es, denen unsere Sorge gilt. Denn wenn auch sie dahingerafft werden, bleiben als einzige Zeugen unseres kulturellen Lebens die Autoren. Aber auf sie, die Statisten mit ihren 10 Prozent vom Ladenverkaufspreis der verkauften Bücher, auf sie kommt es in der Frankfurter Inszenierung nicht an.

Dieses Bekenntnis bildet denn auch das einzig hoffnungsfrohe Thema im Finale der Messe: Der Börsenverein schließt die Litanei mit von Herzen kommendem Tedeum, die Sortimenter fallen unisono mit ergreifendem jubilando ein, worauf die Verleger mit verhüllten Bilanzen in rhythmisches Kassieren ausbrechen.