Von Christa Dericum um

Emil Belzner berichtet in seinem Aide-memoire "Die Fahrt in die Revolution" * von einem Besuch, den Lenin einem Zirkus in Neapel abstattete. Er war so begeistert von den Späßen der Clowns, daß er vor Lachen von der Bank fiel. Als er wieder saß, hatte er auch seine Melone wieder auf dem Kopf: Einer der Spaßmacher hatte sie ihm kunstgerecht aufs Haupt geworfen. Gorkij war dabei, und Radek machte später eine Szene daraus.

Diese Anekdote paßt gewiß nicht ins offiziöse Lenin-Bild. Wie sie sich aber auch ereignet haben mag, so zeigt sie doch, wie schwer sich das Leben berühmter Männer auf den politischen Begriff bringen läßt. Da sind einerseits ein paar jahrtausendealte Vorlagen, wie die des Cäsaren, die Gundolf nachzeichnete, des Propheten, des Aufrührers, andererseits aber lebendige Wesen, die sich ändern, die altern und gerade in ihrer individuellen Entfaltung dem Begriff Hohn lachen. Ganz versöhnen lassen sich die Widersprüche nie. Das sogenannte Image wird nie die Lebenswirklichkeit decken, und die zusätzlichen Auskünfte korrigieren es nur für diejenigen, die sich ganz feste Vorstellungen gemacht haben.

Eine zusätzliche Auskunft, allerdings eine von hohem Wert, der auf intimer Kenntnis beruht, und erteilt im Bewußtsein der Kongenialität, ist

Leo Trotzkij: "Der junge Lenin"; nach dem russischen Originalmanuskript "Lenin, Junost" ins Deutsche übertragen von Walter Fischer; Verlag Fritz Molden, Wien 1969; 271 Seiten, 18,– DM.

Jahrzehntelang hat Trotzkij an der Biographie seines einstigen Widersachers und späteren Mitkämpfers Lenin gearbeitet. Er tat es nicht in panegyrischer Absicht, sondern um das geschichtliche Bild des Revolutionärs und Gefährten, dessen Führung er sich trotz der prinzipiell verschieden gebliebenen Auffassungen schließlich unterworfen hatte, vor der Verklärung zu schützen.

Die vielen zeitgenössischen Memoiren, Tagebücher und Briefzeugnisse spiegeln die widersprüchlichsten Eindrücke wider, weil sie der Täuschung des momentanen Effekts erlagen, der "optischen Illusion", wie Plechanow scharfsinnig urteilt. Plechanow hat sowohl Lenins als auch Trotzkiis Denken beeinflußt. Seine Übertragung Marxscher Theorien auf die junge russische