Freiburg

Das Geheimnis in der Traube kann nur vergoren, aber niemals gelüftet werden!" – Dieser doppelsinnige Spruch in einer Kaiserstühler Weltwirtschaft ist in den letzten Tagen so augenfällig bestätigt worden, daß es manchem Winzer die Tränen in die Augen getrieben hat. Statt der prallen, glänzenden reifen Beeren verbergen sich im Breisgau, in der Pfalz, im Neckartal und im Remstal vielerorts zusammengeschnürte, mickerige Rosinen unter den unansehnlichen Blättern.

Es ist fast wie beim Kommiß: "Besonders hart getroffen hat es die im ersten Glied", sagte der oberste Präsident der württembergischen Winzer, Otto Haag, aus Heilbronn. Sie haben nur 26 Grad Öchsle, während ihre "Hintermänner" im nächsten Glied 82 Grad erreichten. "Ja, das hätte vielleicht in diesem Jahr sogar ein Jahrhundertwein werden können", meinte der Präsident des Badischen Weinbauverbandes, Emil Flaus in Freiburg. Nun müssen aber viele Winzer ihre Hoffnungen begraben.

Bei der letzten "Traubenwäsche" Ende Juli und Anfang August müssen die Trauben etwas abbekommen haben, was ihr weiteres Wachstum gehemmt hat; zum Teil sind sie sogar zusammengeschrumpft und eingetrocknet. Die meisten meinen, das Pflanzenschutzmittel E 605 forte sei schuld an dieser Kalamität. Die Herstellerfirma Bayer in Leverkusen dagegen meint, daß extreme Witterungsverhältnisse zur Zeit des Spritzens und eine "Reihe ungünstiger Faktoren" nach dem Spritzen die Schäden verursacht hätten.

Immerhin haben die Schadensmeldungen Alarm in den Bayer-Laboratorien ausgelöst. Sofort wurden Chemiker in die Weinberge entsandt und Versuchsspritzungen vorgenommen. Ergebnis: Selbst bei einer Dosis, die zwanzigmal so stark war, stellten sich keine Schäden heraus. Andererseits kann die These mit den Witterungsverhältnissen auch nicht mehr ganz ernst genommen werden, weil manche Rebstöcke nebeneinander gesunde und kranke Beeren aufweisen.

Die Weinbauverbände haben jetzt zuerst einmal Formulare an ihre Winzer ausgegeben, damit diese ihre Schäden registrieren können. Die erste Übersicht besagt, daß im Breisgau ein Schaden von etwa fünf Millionen, im Elsaß ein Schaden von annähernd einer Million Franc, im Neckartal von über einer Million Mark und in der Pfalz von etwa drei Million Mark entstanden ist. Im württembergischen Unterland sind zwischen 300 und 400 Hektar Rebfläche, hauptsächlich bei Lauffen und Weinsberg, betroffen. Im Breisgau liegen aus 88 Gemeinden Schadensmeldungen für eine Fläche von ungefähr 350 Hektar vor. Besonders stark ist die Gemeinde Ihringen betroffen. Im Elsaß verzeichnen die Gemeinden Rappoltsweiler und Obernai die stärksten Schäden.

In vielen Orten wurde die Weinlese verschoben. Man weiß nicht so recht, was mit den "Kümmerlingen" geschehen soll. Wilhelm Bühler, der Ihringer Obmann des Badischen Weinbauverbandes, sagte, daß man in ganz oder teilweise geschädigten Weinbergen die Trauben werde einfach hängen oder liegenlassen. Sowohl in Leverkusen, als auch beim staatlichen Weinbauinstitut in Freiburg wird zur Zeit geprüft, ob der aus den mit dem fraglichen Mittel gespritzten, aber äußerlich nicht beschädigten Trauben gewonnene Wein in seiner Qualität beeinträchtigt sein könnte. "Daß der Wein nunmehr zu einem Giftsaft werde, braucht ganz bestimmt niemand zu befürchten", versicherte ein Freiburger Weinfachmann. Auch Haag sagte, daß von "vergiftetem Wein" keine Rede sein könne; auf alle Fälle würden aber auch die württembergischen Winzer auf die Verarbeitung der befallenen Trauben verzichten.

Was dies für einen Winzer bedeutet, weiß nur der richtig zu würdigen, der schon einmal die vielen hundert "Weinbergtreppele" auf- und abgestampft ist, die am Neckar, am Kocher und an der Rems die Bearbeitung der Rebhänge so beschwerlich machen. Wenn man nun die "vergrotenen" Trauben sieht, so versteht man auch, daß vielen Winzern jede Treppenstufe, einen Fluch abringt. Ihr einziger Trost: Bayer-Leverkusen hat sich zu einer "Schadensregulierung auf dem Kulanzweg" bereit erklärt. Nikolas Lang