Von Marianne Kesting

Noch zu keiner Zeit hat die Buchindustrie so viele Bücher ausgespien, noch zu keiner Zeit haben sich die Schriftsteller in so vielen Selbstzweifeln verfangen wie heute. Industrie ist schließlich keine Legitimation eines Tuns, das scheinbar der Rechtfertigung entbehrt. Aber was wäre eigentlich seine Legitimation?

Schon lange haben die Künste – und damit natürlich auch die literarischen – ihren ornamentalen Charakter verloren. Sie schmücken weder Staat noch Kirche aus, ja, sie versagen überhaupt der Öffentlichkeit die gewünschte Akklamation. Seit Anfang des neunzehnten Jahrhunderts ziehen sie sich mehr und mehr zurück auf eine betont inoffizielle Subjektivität, ja, das Subjekt wehrt sich gegen die Zumutungen einer Umwelt, die es verstümmelt und reduziert. Im Kunstwerk erscheint das genaue Negativ der industrielltechnischen Gesellschaft, deren Zwänge aber auch in die stillen Kammern unablässig eindringen. Heute registriert eben das künstlerische Subjekt noch in der Abgeschlossenheit seine Vergewaltigung durch die Umwelt. Selbst der berüchtigte Elfenbeinturm – wenn es ihn überhaupt je gegeben hat – erweist sich als äußerst durchlässig. Von allen Seiten angefochten, ringt der Schreibende nach Legitimation.

Wird sie etwa durch Lesermassen geliefert? Schon lange nicht mehr. Es kann als Ausnahme gelten, daß ein hervorragendes belletristisches Werk auf Bestsellerlisten erscheint. Die extrem subjektiven Verfahrensweisen, in denen die qualitätvolle Literatur sich heute äußert, widerstreben jener breiten Kommunikationsbasis, nach der ein Bestseller verlangt; Kein großes Buch unseres Jahrhunderts war je ein Bestseller. Kafkas und Joyces vermeintliche Popularität war eine post festum. Es erscheint quasi als Gesetz, daß große Schriftsteller erst gestorben sein müssen, bevor sie auch breitere Anerkennung finden, und selbst sie wird durch Fachkreise vorbereitet. Es ist kein Geheimnis mehr: auch die Literatur hat jener Spezialisierung und damit Isolierung nicht entrinnen können, die zu den beherrschenden Trends der modernen Wissenschaft und Technik gehören.

Dieter Wellershoff ist als Schriftsteller und Lektor in einer Situation zwischen Subjektivität und einer Öffentlichkeit, die im Buchmarkt und seinen Usancen oder in politischen Ansprüchen auf ihn zurückt. Der Sammelband seiner: Essays aus den letzten Jahren

Dieter Wellershoff: "Literatur und Veränderung" – Versuche zu einer Metakritik der Literatur; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 188 Seiten, 8,– DM

ist ein Versuch, diese Situation zu durchdringen, der Versuch zudem einer Rechtfertigung dieses privatesten Bereichs vor einer Öffentlichkeit, die gerade das private Tun des Schreibens zum Außenseitertum degradiert hat, obgleich doch all ihre noch menschlichen Sehnsüchte sich gerade, auf das intern Private richten. Davon geben noch die Hippie-Ideologien oder die Massenthemen der Illustrierten eine leicht absurde Vorstellung: Sie präsentieren das Private als Massenfetisch.