Zugleich wird die private Beschäftigung des Schreibens, in die schließlich nicht wenige vor den andringenden Anforderungen der Industriegesellschaft flüchten, auch ganz intern angefochten, vor allem natürlich durch Schriftsteller, die sich mit Hilfe ihres politischen Engagements auf den Wogen weltweiter Verantwortlichkeit und in der Geborgenheit von Menschheitsinteressen glauben. Was ist schon das Private, wenn Hunger, Krieg und Terror zu bekämpfen sind?

Wellershoff ist Psychologe genug, um zu durchschauen, wie viele völlig subjektive und sehr private Sehnsüchte des Schriftstellers nach akklamierender Gesinnungsgemeinde, nach Geltung und Ruhm heute durch die Kanäle von politischen Anschauungen geleitet werden. Man könnte sogar noch weiter gehen als Wellershoff und sagen: wie viele uneingestandene religiöse Sehnsüchte sich in den gesellschaftlichen Utopien manifestieren. Aber derlei hat Massenbasis, und es bedarf heute wieder eines entschiedenen Mutes, gegenüber der weltweiten Moral, die sich da – meistens freilich verbal – äußert, sich zu seiner als egoistisch angesehenen Subjektivität zu bekennen.

Indem Wellershoff es tut, zeigt er sich zugleich ehrlicher und reflektierter als viele seiner schriftstellernden Kollegen, deren Anspruch auf weltweiten Überblick schließlich auf Fiktionen beruht. Es ist immer noch realistischer zu wissen, daß wir von Fiktionen umstellt sind und mit ihnen umgehen, als zu meinen, man wisse Genaues beispielsweise über China – aus der Zeitung oder aus nicht ganz unparteiischen Büchern.

Aber auch aus anderer Sicht als der politischen sieht sich heute der Schriftsteller gezwungen, sich auf die Subjektivität seiner Erfahrung zurückzuziehen. Die Bereiche des Faktischen sind durch die Wissenschaften weitgehend besetzt, die darüber Exakteres zu sagen wissen als der einzelne, der auf seine trügerischen Sinne angewiesen ist. Gegenüber den spezialisierten Wissenschaften ist es lächerlich, wenn die Literatur auf ihre Tatsachenkenntnis pocht. Also bleibt ihr als ihr ureigener Erfahrungsbereich das Subjekt und sein Sensorium und die Imagination. In diesem Bereich spielt sich heute die moderne Literatur ab, die dieses Namens würdig ist.

Seltsam ist, daß Dieter Wellershoff, der gerade das bedenkt und weiß, meint, gegen zwei ästhetische Konsequenzen dieser Situation polemisieren zu müssen. Wenn der Schriftsteller, wie er selber schreibt, "nur noch seinen eigenen Erfahrungsbereich verantwortet begreife ich nicht, was Wellershoff dagegen einzuwenden hat, daß der Schriftsteller über das Schreiben und seinen Wahrnehmungsmodus reflektiert oder sein Instrumentarium, die Sprache, untersucht. Da steht deutlich bei Wellershoff: "Das ist nicht meine Sache." Ja, was ist seine Sache denn? Nun holt er unter soziologischen Gesichtspunkten in Essays quasi nach, was er ästhetisch aus seinen Romanen ausklammert. Es erweist sich, bei aller erstaunlich breiten Bildungsbasis auf angrenzenden Gebieten, daß vor allem die Schriftstellern seine Sache ist und seine Erfahrung mit der Öffentlichkeit, seine genaue Beobachtung der Literatur und ihrer Apparatur, sein Sensorium für die Trends und Usancen des Literaturbetriebs. Wenn er das Flaubertsche "Wörterbuch der Gemeinplätze" für sich entdeckt hat, so scheint sich darin sogar anzudeuten, daß er sich anschickt, in die Sprachreflexion einzumünden. Wie kann er dann gegen eine Literatur polemisieren, die dies schon lange tut?

Ebenso wehrt sich Wellershoff gegen einen anderen Modus der modernen Literatur, das Groteske und das Phantastische, und zwar im Namen seines "Neuen Realismus", den er, als eine seltsame Mischung aus älterem Realismus und nouveau-roman-Techniken, offenbar als ganz konkret empfindet. Auch hier könnte gelten, was Wellershoff auf dem Gebiet der Politik durchaus meditiert: eine Phantastik, die sich zur Phantastik bekennt, ist ehrlicher und reflektierter als eine, die sich für realistisch hält. Dieser verwischte Terminus "Realismus" – auf was wird er nicht alles angewandt – war keine besonders gute Erfindung der "Kölner Schule", die Wellershoff vor etlichen Jahren ins Leben rief. Er mag ihn deuten, erklären, erweitern, modifizieren, er ergibt kein ernst zu nehmendes ästhetisches Programm.

Aber die Aufsätze Wellershoffs stammen aus den letzten Jahren, es sind jüngere und ältere dabei, und zuweilen hat man den Eindruck, er habe aus den älteren die inzwischen überwundenen Standpunkte nicht ganz getilgt. Insgesamt zeichnen sie einen Prozeß, der ihn zwangsläufig aus seiner Rückwärtsverteidigung des "Neuen Realismus" zu einer konsequenten modernen Ästhetik führen müßte.