Von Gerhard Prause

Immer strahlt er kühne, aggressive Männlichkeit aus – beträchtlich unterstützt von ihren phallischen Qualitäten: Gleich dem Penis eines Pavians redet er sich, lang, glatt und glänzend, drängt mit großer Energie voran und hat zudem häufig eine knallrote Farbe."

Die Rede ist von einem Sportwagen. Aber ein Sportwagen ist eben nicht mehr nur ein Sportwagen (wenn er das überhaupt je gewesen sein sollte). Und der Mann, der ihn fährt, ist zugleich weniger (oder mehr) als ein Mann, nämlich "nur noch Teil einer höchst stilisierten phallischen Plastik – sein Körper ist verschwunden, und alles, was sichtbar bleibt, sind, winzig klein, Kopf und Hände, die einen langen, glänzenden Penis krönen".

Möglich, ja wahrscheinlich, daß der Sportwagenfahrer gar nicht weiß, was er da eigentlich tut. In dieser Hinsicht scheinen überhaupt noch viele Autofahrer allzu ahnungslos zu sein. Wer stellt denn schon in Rechnung, daß "selbst ganz gewöhnliche Kleinwagen... ihre phallischen Eigenschaften" haben! Man sollte es aber doch wohl tun. Denn immerhin ist dies nun die höchste Kategorie des Sex: der "Status-Sex", vom modernen "Superstamm-Mann" zu funktioneller Vollendung getrieben.

Jedenfalls sagt das Desmond Morris, der Autor des "Nackten Affen", in seinem neuen Buch "Der Menschen-Zoo". Morris konfrontiert uns da, wie der Werbetexter behauptet, "mit der vollen Wahrheit über uns". So ganz ohne Scheu, obwohl man doch spätestens seit Schiller (Friedrich) weiß, wie gefährlich es für einen Sterblichen sein kann, die volle Wahrheit auch nur anzuschaun: Sein wissensdurstiger Jüngling, der zu Sais den Schleier hob, sank bei ihrem Anblick in Ohnmacht. Und schlimmer noch: "Was er allda gesehen und erfahren / Hat seine Zunge nie bekannt. Auf ewig / War seines Lebens Heiterkeit dahin, / Ihn riß ein tiefer Gram zum frühen Grabe."

Nicht so Desmond Morris, Jahrgang 1928, ehemaliger "Kunstmaler" (so ebenfalls derWerbetexter), dann Verhaltensforscher und heute Direktor an Londons "Institut für Zeitgenössische Kunst"; seine Zunge bekennt freudig, was er geschaut (zum Teil in nicht mehr gar so neuen Büchern). Allerdings liegt der Verdacht nahe, daß auch er, ohne es selber bemerkt zu haben, schon bestraft wurde, wenngleich nicht mit dem Verlust der Heiterkeit als vielmehr mit einem Sehfehler. Scheint es doch, als habe er allzu ausdauernd immer nur ein und dieselbe "volle Wahrheit" angeschaut und könne nun, wohin er auch blicke, nichts anderes mehr entdecken als den Phallus.

Sein Status-Sex, der alle anderen von ihm genannten Sexkategorien – den Zeugungs-, Paarbildungs- und Paarbindungssex, den physiologischen und den exploratorischen Sex, den Sex an sich sowie den Beschäftigungs- und den Beruhigungssex und auch den kommerziellen Sex – an Wichtigkeit weit überflügelt hat, ist ein Konkurrenzkampf mit Phallussymbolen.