Von Petra Kipphoff

Ausgerechnet Whistler? Warum schließlich nicht: das von der Kunst unserer Tage in die Enge getriebene Publikum hat sich ohnehin seit geraumer Zeit seine ästhetischen Ersatzparadiese geschaffen, hat sich mit wohlfeiler Intensität am ach so dekorativen Jugendstil-Leichnam gütlich getan und fühlt sich wunderbar legitimiert in diesem Tun, seitdem auch die Jugend dem schonen Schnörkel verfallen ist, die jungen Herren sich die Schlingpflanzen auf der batistenen Hemdbrust und die Haare auf dem Kopf sprießen lassen, Swinburnes Löckchen waren schließlich auch nur dünn und fettig.

Warum nicht Whistler, der in diesem Lande noch nie in größerem Rahmen gezeigt wurde?

Warum nicht Whistler, nachdem es die Ouvertüre dazu schon bei den vorigen Festspielen zu sehen gab, eine unter dem Titel "Le sahn imaginaire" zusammengestellte, erlesene Sammlung von Edelschwulst. Der "Salon imaginaire" wurde als eine Veranstaltung des Berliner Kunstvereins noch in den Räumen der Akademie gezeigt, und auch die Whistler-Ausstellung wurde noch von Eberhard Roters und Manfred Bluth als Kunstvereinsveranstaltung geplant. Nachdem der alte Kunstverein sich jedoch in eine neue Trinität aufgelöst hat, ist Whistler jetzt in die Nationalgalerie gezogen, begleitet von einer Neuberliner Träne, die Direktor Haftmann dem verblichenen Verein aus diesem Anlaß spendete. Whistler allerdings spendete er die bestmögliche Umgebung, einen Teil der unteren, zum Plastikhof hin offenen Räume, Corot und Manet, aber auch Stuck und Marées hängen gleich nebenan.

James McNeill Whistler war nicht nur ein Maler von Rang, sondern auch ein begnadeter Exhibitionist und Snob, und er hat als solcher selber kräftig dazu beigetragen, daß lange Zeit seine Biographie interessanter schien als sein Werk. 1834 wurde er in Lowell, Massachusetts, geboren, flog wegen mangelnder Chemiekenntnisse aus der Militärakademie West Point und ging 1855 nach Paris, wo er bald zum Kreis von Coürbet, Manet, Degas und Fantin-Latour gehörte. Die neue Wirklichkeit, die hier entdeckt wurde, schlägt sich zwar auch bei Whistler nieder (zum Beispiel in den in Berlin gezeigten Radierungen der "Französischen Folge"), aber seine künstlerische Sensibilität wie sein wohlausgeprägter Wirklichkeitssinn sagten ihm, daß sein Ort nicht Paris war: 1859 ging er nach London, das er, von gelegentlichen Reisen abgesehen, bis zu seinem Tode im Jahre 1903 nicht mehr verließ.

Wilde, Swinburne und Ruskin, Beardsley und der junge Maler Walter Sickert waren hier seine Freunde und, in zunehmendem Maß, seine Feinde. Denn Whistlers Kunst stand zwar im Zeichen der Signatur des Schmetterlings, für seine Auftritte im Leben aber hätte gelegentlich auch de Schmeißfliege als Wappentier gereicht. Er freilich sah das alles etwas anders und hat "Die artige Kunst sich Feinde zu machen" durchaus nicht als Stilbruch und Diskrepanz zu seinem künstlerischen Ästhetizismus empfunden, sondern seine wohlformulierten Erfahrungen auf diesem Sektor der Nachwelt in einem Buch gleichen Titels hinterlassen.

Man braucht nicht unbedingt zu wissen, wer Whistler war, oder daß er überhaupt einmal war, und kann ihn doch kennen, schon lange gekannt haben, wie einem beim Anblick seines berühmtesten Bildes, der "Harmonie in Grau und Grün", klar wird. Das Bildnis der kleinen Cicely Alexander, das die Tate Gallery glücklicherweise nach Berlin ausgeliehen hat, ist nicht nur eine Liebe auf den ersten Blick, sondern auch ein für Whistler charakteristisches Werk.