"Für einen großen Bau hätte ich wie Faust meine Seele verkauft. Nun hatte ich meinen Mephisto gefunden." Albert Speer

Endlich liefert uns eine der Größen des Dritten Reiches ein Selbstzeugnis, das man nicht mit Zorn und Verachtung aus der Hand zu legen braucht. Endlich erreicht einer von Hitlers Paladinen ein Niveau der Reflexion, das wenigstens einigermaßen dem Maß an Verantwortung entspricht, das diese Leute einmal getragen haben:

Albert Speer: "Erinnerungen"; Propyläen-Verlag, Berlin 1969; 610 Seiten, 25,– DM.

Albert Speer gehörte zu den wichtigsten Figuren des nationalsozialistischen Deutschlands, nicht wegen seines Beitrags zur Durchsetzung von Hitlers Herrschaft, sondern ob seiner Funktion für ihre Erhaltung lange über den Zeitpunkt hinaus, an dem ihr Niedergang bereits sicher war. Deshalb sind Speers Memoiren vor allem ein Buch über Hitlers Krieg, so wie ihn derjenige sah, der ihn durch sein Organisationstalent wesentlich verlängert hat.

Aber der Werdegang von Hitlers Rüstungsminister ist von nicht geringerem Interesse. Speer berichtet zunächst, dank welcher Zufälle er als junger Architekt zum Baumeister Hitlers aufstieg. Er ist ehrlich genug einzugestehen, daß er am Beginn seiner beruflichen Laufbahn fasziniert war von den Möglichkeiten des Gestaltens, die ihm der baubesessene Hitler bot. Speers Geschichte enthält also schon von Anfang an das Thema der Versuchung des Technikers. Er war nicht der erste und wird nicht der letzte sein, der einem Tyrannen hörig wurde, weil dieser ihn seinen Spieltrieb ins Gigantische steigern ließ. Was scherte es ihn, wenn Hitlers Herrschaft dabei auf die Spuren Neros geriet und zu einem schlechten Künstlertum entartete, das seinen Illusionen und Launen schließlich alle Note der Beherrschten unterordnete. So wie Speer mit Gebäuden, so hat Hitler mit Deutschland gespielt, und dabei hat er sich wohl geradezu gelegentlich an Speers Ideen berauscht, weil so wie dieser baue, so auch er es tue, nur daß es sich im einen Fall um Steine und im anderen um Menschen handelte. Albert Speer hat diese besondere Beziehung zwischen sich und Adolf Hitler in seinen Erinnerungen herausgestellt. "Wenn Hitler Freunde gehabt hätte", so sagte er schon vor dem Nürnberger Gericht, "so wäre ich bestimmt einer seiner engsten Freunde gewesen."

Der junge Architekt hatte mit der liberalen Demokratie nichts anfangen können, trotz seines liberalen Elternhauses, wie das wohl für viele junge Menschen der Zwischenkriegszeit galt. Aber der Entschluß, aus einer gewissen Protesthaltung heraus in die nationalsozialistische Partei einzutreten, sei, so sagt er nun, gar nichts Dramatisches gewesen. Über die Ziele der Partei hat er kaum je nachgedacht, höchstens zum Schluß, als er einsehen mußte, daß das System, das um Adolf Hitler herumgebaut war, nicht mehr funktionierte. Insofern aber ist die folgende Selbstcharakterisierung Speers ein Schlüssel zum Verständnis seines Lebens:

"Ich fühlte mich als Hitlers Architekt. Ereignisse der Politik gingen mich nichts an. Ich gab ihnen nur eindrucksvolle Kulissen. Hitler bestärkte mich täglich in dieser Auffassung, indem er mich fast nur zu architektonischen Fragen heranzog; überdies wäre es als Wichtigtuerei eines ohnehin ziemlich spätgekommenen Neulings aufgefaßt worden, wenn ich versucht hätte, mich an den politischen Erörterungen zu beteiligen. Ich fühlte und sah mich dispensiert von jeder Stellungnahme ... In welch groteskem Maße ich an dieser Illusion festhielt, zeigt meine Denkschrift an Hitler aus dem Jahre 1944: ‚Die Aufgabe, die ich zu erfüllen habe, ist eine unpolitische. Ich habe mich so lange in meiner Arbeit wohl gefühlt, als meine Person und auch meine Arbeit nur nach der fachlichen Leistung gewertet wurden.‘ "