Von Ernst Nef

Kurt Marti hat 1958 seinen ersten Gedichtband veröffentlicht; seither sind ein Buch mit Geschichten und vier Gedichtbände von ihm erschienen. Der jetzt achtundvierzigjährige Autor ist Pfarrer in einer Kirchgemeinde der Stadt Bern. Ein Teil seiner bisherigen Dichtungen, die "Gedichte am Rand" (1963), sind denn auch ein, wie mir scheint gelungener, Versuch moderner – modern im Vokabular, in Stil und Inhalt – christlicher Lyrik.

Nicht immer bringt Marti Gott hinein in seine Dichtungen; vielmehr ist in seinen dichterischen Werken, außer in den erwähnten "Gedichten am Rand", von Gott nie die Rede. Aber alle handeln kritisch von Problemen des Menschen in der heutigen Gesellschaft; ebenfalls sein jüngstes Buch –

Kurt Marti: "Leichenreden"; Hermann Luchterhand Verlag, Neuwied; 72 S., 9,80 DM.

Der Titel "Leichenreden" ist ganz ohne Ironie zu verstehen. Zwar handelt es sich nicht um Ansprachen, die Marti bei Abdankungsfeiern in seiner Berner Kirchgemeinde dem Brauch gemäß gehalten haben kann; dafür sind sie zu kurz und zudem in Versen. Aber sie imitieren das rhetorische Konzept solcher Reden durch das vorangestellte Zitat und die das Zitat mit Rücksicht auf einen besonderen Fall auslegende "Predigt" des Gedichts. Zudem kann man sich den Inhalt der Gedichte als Thema einer – vielleicht ein wenig ungewöhnlichen – Abdankungspredigt sehr wohl vorstellen; auch setzen diese jeweils einen Todesfall als Anlaß voraus. Die Autoren der Zitate allerdings sind Schriftsteller, Journalisten, Philosophen, Theologen, auch Anonymi, jedenfalls nicht die Verfasser der Heiligen Schrift.

In diesen "Leichenreden" wird das kirchliche Ritual profan imitiert. Marti meint dies offenbar nicht als Entweihung, vielmehr ernsthaft exemplarisch, demonstrativ gegen eine Verkirchlichung und Entweltlichung des Glaubens. Streng als Literatur allein sind diese Leichenreden nicht zu begreifen. Sie haben einen außerliterarischen Zweck, sind, mit Hans Magnus Enzensberger zu reden, "Gebrauchsgegenstände".

"So paradox es klingen mag: aber mit dem Schlagwort ‚die Bibel allein!‘ kann man heute kein Zeuge Christi mehr sein. Die Appelle zur Wachsamkeit, von Jesus und in den Paränesen des Paulus immer neu wiederholt, bedeuten heute unter anderem auch dies, daß wir uns über die politischen und sozialen Ereignisse und Bewegungen der jüngsten Vergangenheit und Gegenwart kritisch und möglichst vielseitig informieren lassen", hat Marti einmal geschrieben; und an anderer Stelle: "Der christliche Autor hilft, die Kirche zur Welt hin offen zu halten." Wer ohnehin schon draußen ist, wird für die "Leichenreden" freilich in diesem Sinne keinen Gebrauch haben. Es wird ihm höchstens – und auch daran liegt vermutlich Marti etwas – jenes Drinnen nicht mehr ganz so fremd vorkommen.