Von Sepp Binder

Er kam aus dem Kleinen Konferenzzimmer im dritten Stock des Münchener Prominentenhotels Deutscher Kaiser, knüpfte seine Jacke auf und erklärte lakonisch: "Die bayerische FDP hat sich für eine Bonner Regierungskoalition mit der SPD entschieden. Jetzt ist es für mich klar: Ich spiele nicht griechische Tragödie." So kommentierte Josef Ertl, konservativer Liberaler und Scheel-Opponent, seinen Entschluß, für Willy Brandt nicht nur als Kanzler zu stimmen, sondern – wenn es "in Gottes Namen schon sein muß" – auch die künftige deutsche Landwirtschaftspolitik im Kabinett und vor dem Parlament durchzusetzen: "Das bin ich Bayern schuldig."

Josef Ertl, von den einen als Jozef Filser geschmäht (er gehe nur "zwengs ’m Regirn" nach Bonn), von den anderen als Agrarexperte gepriesen, stand nach dem 28. September für wenige Tage auf einer aus sozialdemokratischer Vorsicht und freidemokratischer Angst erstellten Schwarzen Liste möglicher CDU-Anfälliger. Immerhin befand er sich lange im Loyalitätskonflikt mit seiner hart auf liberalen Linkskurs segelnden Partei, die er immer mehr aus dem weiß-blauen Fahrwasser mit nationalen Schaumkronen abtriften sah. Und weil Scheel ihm nicht zuletzt deshalb "zuwider" ist, stimmte er – so geht die Mär – bei den Koalitionsverhandlungen öfter mit der SPD als mit seinem Parteivorsitzenden überein: Eine Reform des Kirchensteuereinzugs wußte Katholik Ertl ebenso geschickt zu verhindern wie die einseitige Abrüstung nuklearer Trägerwaffen. "Schaung’S, Herr Schmidt", frotzelte er, "jetzt haben wir schon einen Fortschritt erzielt."

Der Ertl Sepp, der überhaupt nichts auf ein "geschwollenes" Hochdeutsch gibt und immer so redet, wie ihm "der Schnabel gewachsen ist", wurde 1925, acht Tage nach dem Tode des ersten Reichspräsidenten Ebert, in Oberschleißheim bei München auf einem Zwanzig-Hektar-Hof geboren. Jüngster von vier Buben, liberal-katholisches Elternhaus, der Dorfpfarrer förderte den begabten Bauernsohn, doch für ein "Napola"-Stipendium verweigerte der Vater, ein leidenschaftlicher NS-Gegner, die Einwilligung ("Mit diesen Bazis geht’s schief"). Er schickte seinen aufgeweckten Sohn nach München an die Damenstift-Oberschule. Neben einer ausgiebigen Brotzeit gab er ihm den wenig tröstlichen Spruch mit: "Wennst durchfällst, kriagst d’Mistgabel in d’Hand." Josef Ertl entschied sich damals für die Matura, die Mistgabel aber versteht er heute trotzdem trefflich zu handhaben.

Arbeitsdienst im Pinzgau, Pferdekutscher, schlechter Rekrut ohne Sinn für Gleichschritt, Schlachtflieger, Verwundung: Der zwanzigjährige Oberfähnrich erlebt das Kriegsende auf dem elterlichen Bauernhof. Und das "natürliche, geordnete Leben eines Bauern" wurde zur Richtschnur seiner Haltung: Er nennt sie "bodenständig und volksverbunden". Eine landwirtschaftliche Lehre schloß er 1947 ab – mit Auszeichnung; danach ging er an die Technische Hochschule München in Freising-Weihenstephan; nach drei Jahren trat der Diplomlandwirt als Referendar in das Bayerische Staatsministerium für Landwirtschaft und Forsten ein, wo er mit dem Aufbau des Landjugendberatungsdienstes beauftragt wurde. Ertl übernahm das amerikanische Prinzip einer langfristigen Agrarreform über den Weg moderner Landjugendbildung. Den bäuerlichen Nachwuchs machte er mit neuartigen Kälberauf-

zuchtverfahren und Düngeversuchen vertraut, veranstaltete Tierbeurteilungs- und Pflugwettbewerbe. Um diese Zeit war er bereits Anhänger der Freien Demokraten, und im Ministerium argwöhnte man: "Ein Liberaler ist uns überall lieber – nur nicht bei der Jugend."

Ertl gefiel die leidenschaftliche Vehemenz, mit der Thomas Dehler gegen die separatistischen Bestrebungen monarchischer Restauration in Bayern kämpfte, ihm gefielen an der FDP aber auch die kompromißlose Eigentumspolitik und der konsequente Kampf gegen die Konfessionsschule. Und als man in Schleißheim bei der ersten Landtagswahl einen "närrischen" FDP-Wähler registrierte, bekannte Ertl im Wirtshaus: "Der Närrische bin ich."