Wenige Tage nach seiner Amtsübernahme hat Schwedens Ministerpräsident Olof Palme bereits seine erste außenpolitische Bewährungsprobe zu bestehen. Auf Grund eines kürzlich bekanntgewordenen Hilfsangebotes an Nordvietnam haben sich nach den politischen auch die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Schweden und den USA rapide verschlechtert.

Das Angebot war zu Beginn des Monats durch Außenminister Torsten Nilsson bekanntgemacht worden. Es enthielt Kredite für Nordvietnam in Höhe von 40 Millionen Dollar, zahlbar über drei Jahre und "noch vor Ende des Krieges".

Schon vor der Offerte an Hanoi gab es eine Reihe von Ereignissen, die das Verhältnis zwischen Stockholm und Washington belasteten:

  • 1967 löste eine Serie von Vietnam-Kundgebungenin Schweden heftige Proteste der USA aus. Einer der Demonstrationszüge wurde vom damaligen Kultusminister Olof Palme gemeinsam mit einem Vertreter der nordvietnamesischen Regierung angeführt.
  • Vor einem Jahr verließ der amerikanische Botschafter William Heath aus Protest gegen die Vietnampolitik der schwedischen Regierung demonstrativ Stockholm; sein Posten ist bisher nicht Nieder besetzt worden.
  • Am 10. Januar dieses Jahres erkannte Schweden die Regierung in Hanoi offiziell an.

Die Ankündigung des Kreditangebotes an Hanoi hat jetzt dazu geführt, daß mehrere US-Firmen halt reagierten: Die Firma "Continental Can Co." unterbrach die Verhandlungen über einen Auftrag von zwei Millionen Dollar an die Gesellschaft "A.S.E.A.", bis sie "nähere Angaben über die Vietiamhilfe" erhält. Dem schwedischen Großunternehmen Stora Koppenberg wurde in einem Telephonanruf aus New York ebenfalls wegen des Hilfsangebotes an Hanoi ein Auftrag über Spezialstahl in Höhe von 40 Millionen Dollar gekündigt. Die amerikanische Regierung ließ Stockholm wissen, daß unter den gegenwärtigen Umständen auch ein geplanter US-Kredit für die skandinavische Luftverkehrsgesellschaft SAS überprüft werden müsse.

Von dieser Maßnahme werden auch Norwegen und Dänemark betroffen, die gemeinsam mit Schweden die Fluggesellschaft betreiben. Der Kreditstopp für SAS dürfte den Ärger der norwegischen und dänischen Regierung über die Haltung Stockholms gegenüber Nordvietnam noch vergrößern. Der dänische Außenminister Poul Harting hat sich bereits öffentlich von dem schwedischen Unterstützungsplan distanziert. Ähnlich reagierten Beamte des norwegischen Außenministeriums.

War man in Oslo und Kopenhagen schon sehr verbittert darüber, daß Stockholm die nordvietnamesische Regierung ohne die gewohnte Absprache im Nordischen Rat anerkannte, so vermutet man in den beiden Ländern hinter der neuen schwedischen Vietnam-Initiative eine besondere Zielsetzung: Die Schweden, so glauben viele Dänen und Norweger, wollen sich mit ihren betont provietnamesischen Aktivitäten zum Führer der sozialistischen Bewegung (in Dänemark und Norwegen sind die Sozialisten in der Opposition) in Skandinavien aufschwingen.