Von Egon Kaskeline

Frankreichs neuer Finanzminister Valéry Giscard d’Estaing hatte sein hohes Amt unter Pompidou kaum angetreten, als er auch schon tat, was wohl jeder hohe Politiker in Frankreich tun muß – er hofierte den Mittelstand. Dem Repräsentanten der französischen Mittelständler, Leon Gingembre, versprach er, von 1970 an die Gewerbesteuersätze zu ermäßigen, die zusätzliche Einkommensteuer von sechs Prozent aufzuheben und das Mehrwertsteuersystem zu vereinfachen.

Die gewichtigsten Gruppen im Mittelstand – die Pfeiler des französischen Bürgertums – sind die kleinen Händler und die Bauern. Sie sind das Heer der Konservativen, die dafür sorgten, daß der Gaullist Pompidou und nicht etwa Poher neuer Staatspräsident wurde. Jean Jacques Servan-Schreiber, der Herausgeber des Express: "Solange wir im wesentlichen eine Nation der Landwirtschaft, des Kleinhandels und der Grundindustrie sind, wird der Reflex des Landes konservativer sein als anderswo."

Der konservative Reflex beruht, zumindest bei den kleinen Händlern, auf kaum mehr als auf der Angst vor der Pleite. Sie fühlen sich in ihrer Existenz bedroht. Jahr für Jahr müssen Tausende von ihnen vor der Konkurrenz der modernen "Verkaufsfabriken" kapitulieren, und ihre Läden schließen. Die jüngsten Revolten der Einzelhändler, die Massenladenschlußstreiks, richten sich nur vordergründig gegen zu hohe Besteuerung und überhöhte Soziallasten; dahinter steht der Verzweiflungskampf gegen die fortschreitende Umstrukturierung im Einzelhandel

Der dynamische und temperamentvolle Monsieur Gingembre, der Leiter der größten Mittelstandsorganisation, hat der nachgaullistischen Regierung bereits ein neues Ultimatum gestellt: Kommt die neue Regierung den Wünschen des Mittelstandes nicht durch Steuernachlässe und Schutzmaßnahmen für die Kleinbetriebe entgegen, so werden neue "Direktaktionen" – Ladenschlüsse und Manifestationen – folgen.

Dabei wissen auch die Führer der Mittelstandsrevolte sehr wohl, daß die Revolution im Handel unaufhaltsam ist, und daß Frankreichs Handel gegenüber der Entwicklung in anderen Ländern weit im Rückstand ist.

Die unabhängigen Ladenbesitzer und Kleingewerbetreibenden liefen vor nicht allzu langer Zeit in Massen dem sehr viel versprechenden und reaktionären Poujade nach. Den Schöpfer des Diskontladens in Frankreich, Edouard Ledere, bekämpften sie. Der kleine Kolonialwarenhändler aus Landerneau (Bretagne) hatte die Idee, in seinen Läden – im Höhepunkt seines Aufstieg waren es über hundert – die wichtigsten Waren nur noch mit einem kleinen Gewinnaufschlag zu verkaufen. Als erster Händler in Frankreich handelte er nach dem Motto: "Große Umsätze, kleiner Nutzen."