Nach der Änderung des Wechselkurses muß Schiller wieder für "konzertiertes Wachstum" sorgen

Nun warten wir also alle auf den 26. Oktober. Am Sonntag in einer Woche wird Karl Schiller wahrscheinlich den neuen Wechselkurs der Mark verkünden – jedenfalls hat er entsprechende Andeutungen gemacht. Bis dahin wird das Rätselraten weitergehen: wird es eine Aufwertung um 6,25 Prozent geben, werden es vielleicht 6,5 oder sieben, etwa gar acht Prozent werden?

Die Bundesbank wie das Wirtschaftsministerium neigen offenbar mehr zur oberen Grenze. Dies, obwohl beide zugeben, daß seit Mai die "Anpassungsinflation" ein Stück vorangekommen ist und deshalb eigentlich eine maßvolle Quote angebracht erscheint. Freilich verfolgt man in Bonn und in Frankfurt verschiedene Ziele.

Karl Schiller möchte nach einer Aufwertung die Konjunktur nicht "absacken" lassen. Der Wirtschaftsminister ist aus politischen wie ökonomischen Gründen gleichermaßen vor allem daran interessiert, daß das Wachstum der Wirtschaft ungestört weitergeht (siehe Hartwig Meyer, Seite 26).

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung, das wenige Monate vor der Wahl überraschend in die Front der Aufwertungspropagandisten eingeschwenkt war, bekennt sich jetzt seiner Tradition gemäß wieder zur Wachstumspolitik. Man kann davon ausgehen, daß das Berliner Institut der Politik des Bonner Ministeriums gegenüber "aufgeschlossen" ist – sein Chef ist Schillers Parlamentarischer Staatssekretär Arndt.

Für die Bundesbank hat demgegenüber Karl Blessing unmißverständlich klargemacht, daß sie nach einer Aufwertung erst recht an ihrem restriktiven Kurs festhalten wird. In Frankfurt kalkuliert man: Wenn die Spekulationsmilliarden abgeflossen sind, wird Geld in der Bundesrepublik knapp werden – dann können unsere Bremsen erst richtig greifen. Der Bundesbank gilt eben die Erhaltung der Preisstabilität weiterhin als wichtigste Aufgabe. So zeichnet sich ein Zielkonflikt ab, der nach Monaten friedlichen Miteinanders bald wieder zu offener Konfrontation zwischen Schiller und Blessing führen könnte.

Hier zeigt sich, daß die Aufwertung keines der akuten ökonomischen Probleme löst. Anders als Blessing kann Schiller es sich nicht leisten, aus dem Boom in eine Flaute zu geraten (von einer neuen Rezession ganz zu schweigen) – das würde nicht nur seinen Nimbus zerstören, sondern wohl auch zu einer Koalitionskrise führen. Die Wirtschaftspolitik wird also auf Expansionskurs bleiben. Freilich muß Schiller das Kunststück fertigbringen, für "konzertiertes Wachstum" zu sorgen – nach der Aufwertung wird der Spielraum für Lohnerhöhungen wieder geringer werden, weil man der Industrie nicht zu viele Belastungen auf einmal zumuten kann, wenn ihre Investitionskraft erhalten werden soll. Wie man die Sache auch dreht: Der Entschluß zu expansiver Politik bedeutet in dieser Situation die Bereitschaft, etwas schneller steigende Preise in Kauf zu nehmen.