Eduard Neumaier: "Bonn – das provisorische Herz"; Gerhard Stalling Verlag, Oldenburg 1969; 271 Seiten, 22,– DM.

Es sind schon viele Bücher über die Bundesrepublik geschrieben worden, gute und schlechte Analysen, Polemiken und Huldigungen; eines hat bisher noch gefehlt: die Reportage. Eduard Neumaier, ein junger Bonner Korrespondent, hat sie jetzt geliefert,

Neumaier hat nicht den Ehrgeiz, besonders originelle Deutungen zu liefern, wiewohl sein Bericht durchdacht ist. Der Autor tritt ganz hinter die Darstellung zurück. Ihm geht es darum, zu erzählen, genau und zugleich farbig. Da werden nicht mit der Abgeklärtheit des Historikers Nuancen abgewogen, noch werden gewaltsamgeniale Perspektiven angeboten. Dies ist, und das soll durchaus als Kompliment gelten, ein journalistisches Buch. Die handelnden Personen haben Leben, der Stil ist von einer herzhaften Frische.

In wie vielen Büchern hat man nicht endlose Auseinandersetzungen über Sinn und Unsinn der Deutschlandpolitik gelesen! Auch Neumaier gibt sein Urteil, aber es ist immer eng mit der Schilderung verwoben. Er zählt zum Beispiel nicht nur die Vorschläge und Pläne auf, die im Jahre 1952 gemacht wurden; er stellt dar, wie die Ostberliner Delegation – wer erinnert sich heute überhaupt noch daran – im Bonner Bundeshaus antichambrierte. Die wichtigsten Passagen dieses gesamtdeutschen Miniatur-Dialogs werden im Wortlaut wiedergegeben. Die Szene schließt mit den Sätzen: "Achtzehn Minuten. hatte der gesamtdeutsche Dialog gedauert. Begleitet von Pfiffen und drohenden Fäusten, eskortiert von Polizisten und wütend geschwungenen Transparenten, fährt die Delegation ab."

Ein anderes Beispiel für diese Darstellung. Neumaier beschreibt den Briefwechsel, zwischen Bonn und Ostberlin zu Anfang der fünfziger Jahre: "Das waren noch Briefe, die über die Grenze flatterten! Herzlich fast zu nennen, hoffnungsfroh. Ministerpräsident Otto Grotewohl schickte am 30. November einen an Adenauer, in dem er Schritte zur Wiedervereinigung verlangte, Volkskammerpräsident Johannes Dieckmann schrieb fast flehend an Ehlers, wußte von ungezählten Gesprächen und Briefen der westdeutschen Brüder und Schwestern‘ zu berichten, vom deutschen Friedens- und Einheitswillen‘. Dieckmann bemühte sogar ‚göttlichen Willen‘, nach dem das deutsche Volk ‚eine natürliche Einheit‘ bilde. Briefe, die mit ‚Sehr geehrter Herr Präsident" begannen und ‚Mit vorzüglicher Hochachtung‘ endeten, anders als achtzehn Jahre später."

Das klingt vielleicht nicht immer ganz abgeklärt; aber dafür bekommt der Leser herzhafte, wahrhafte Kost vorgesetzt. Über manche Einzelbewertungen mag man streiten, so zum Beispiel darüber, ob Wehner und Kiesinger das Zentrum des Einverständnisses in der Großen Koalition gebildet haben. Da sind vielleicht doch einige Abstriche zu machen. Im ganzen aber sind in diesem Buch die politischen Entscheidungslinien klar und einleuchtend herausgearbeitet. Man liest es mit Vergnügen – und das ist für ein politisches Buch in Deutschland eine recht erstaunliche Feststellung. Rolf Zundel