Der 9. Oktober sollte der große Tag für die British Petroleum werden: Die Aktionäre der amerikanischen Standard Oil Company of Ohio (Sohio) waren für den Donnerstag der letzten Woche zusammengerufen worden, um der Fusion mit der ersten europäischen Ölgesellschaft zuzustimmen, die den Schritt über den Atlantik wagte. Sie hätten es auch mit Sicherheit getan – der Kurs der Sohio-Aktien war nach dem BP-Angebot von 70 auf 105 Dollar geschnellt –, wenn, ja wenn das Washingtoner Justizdepartement nicht wenige Tage zuvor quergeschossen hätte. Es hatte Bedenken gegen die Transaktion angemeldet, die immerhin seit vier Monaten bekannt und von den Geschäftsführungen beider Firmen bereits gebilligt war.

So fiel der große Tag aus, der in der Geschichte der Wirtschaftsbeziehungen zwischen Europa und den USA einen Markstein hätte setzen sollen. Zum erstenmal wagte sich ein Industriegigant aus Europa in das Land der Mineralölriesen. Und zwar handelte es sich dabei nicht um den Aufbau oder den Erwerb einer mehr oder minder kleinen Beteiligung, sondern um die Erbringung eines nennenswerten Marktanteils auf dem größten Mineralölmarkt der Welt. Die mißlungene Premiere rief die Kritiker auf den Plan: Sie vermuteten, die Protektionisten der republikanischen Administration Nixon hätten einmal mehr das nationalistische Feuer geschürt.

Statt dessen kam der Chairman des zweitgrößten britischen Unternehmens, Eric Drake, aus den Vereinigten Staaten zurück. Er zeigte einen gedämpften Optimismus, nachdem er in "dringenden Verhandlungen" mit dem US-Generalstaatsanwalt versucht hatte nachzuweisen, daß die Fusion der BP mit der Sohio nicht mit den Bestimmungen der amerikanischen Anti-Trust-Gesetzgebungen kollidiere.

Im Gegensatz dazu zieh die britische Presse, die keine Rücksicht auf die Empfindlichkeiten der amerikanischen BP-Partner zu nehmen brauchte, die amerikanische Regierung kurz und bündig der Heuchelei, Auf der einen Seite, so meinte sie, beantwortete Washington jede Kritik an allzu hemdsärmeligem Vorgehen ihrer Industrie in Europa mit einer Einladung an die Europäer, doch ihrerseits in den USA zu investieren. Auf der anderen Seite aber werde immer wieder versucht, nennenswerte europäische Investitionen abzublocken. Die Presse sah sich bei dieser Kommentierung in guter Gesellschaft. Auch in der englischen Regierung, die mit 48 Prozent an der BP beteiligt ist, ohne jedoch in der Geschäftsleitung eine aktive Rolle zu spielen, machte niemand einen Hehl daraus, welch verheerende Wirkungen ein Scheitern der BP-Pläne für andere europäische Investitionen in den USA, möglicherweise sogar für die gesamte weitere Entwicklung des Handels zwischen Europa und Amerika nach sich ziehen könnte.

Die Reaktion in England war jedenfalls so eindeutig, daß den Amerikanern auch ohne die Intervention des Londoner Foreign Office durch den Botschafter in Washington klar werden mußte, daß sie mit ihrem brüsken Nein möglicherweise einen entscheidenden Wendepunkt in der Handelspolitik mit Europa herbeigeführt haben. Ihnen mußte zwangsläufig die Überlegung kommen, daß die amerikanische Industrie in einem einzigen Jahr in Europa so viel investiert, wie die Europäer bisher insgesamt in den USA investiert haben. Allein dieses Verhältnis sollte klarmachen, daß man auf die Dauer nicht ungestraft unliebsame Konkurrenten vom eigenen Markt mit fadenscheinigen Argumenten fernhalten kann, auf der anderen Seite sich aber ungehindert auf seinem Markt bewegen will.

In der Tat liegt bis heute keine offizielle Begründung für den Einspruch der Anti-Trust-Kommission Washingtons vor. Bisher wurde lediglich erklärt, auf Grund der Vermutung, daß die Fusion der BP mit der Sohio in einzelnen Gebieten eine Wettbewerbsbeschränkung herbeiführen könne, werde man den Fall untersuchen. So bleibt man hinsichtlich der Hintergründe auf Vermutungen angewiesen.

In der Tat ist British Petroleum selbst für die amerikanischen Ölgiganten ein unliebsamer Konkurrent. Nachdem der persische Ministerpräsident Mossadeq in den fünfziger Jahren die Hauptölquellen der BP im Nahen Osten verstaatlicht hatte, mußte die Gesellschaft neue Vorkommen suchen. Sie fand sie in Alaska, zehn Jahre, bevor der "Ölrausch" des letzten Monats auch die anderen Konzerne in den 49. US-Staat am Eismeer lockte. Die BP hatte die wichtigsten Felder mit einem erheblichen Ölvorrat bereits für wenig Geld erworben, ehe der amerikanische Ölmilliardär Paul Getty seine inzwischen berühmt gewordenen Phantasiepreise zahlte.