Im Augenblick freilich kommen gerade von Deutschland die konkretesten und dringlichsten Vorschläge zu dieser europäischen Föderation, die allein einen organisatorischen Rahmen und ein Gegengewicht für seine Macht bieten könnte. Wie reagieren Deutschlands Partner? Es steht fest, daß das Bewußtsein von Deutschlands Stärke und Frankreichs Schwäche, das die Währungskrisen vermittelt haben, in Frankreich und in gewissem Maße auch in anderen Ländern einschließlich England erneut eine Angst- und Mißtrauensreaktion hervorgerufen hat, die sich in den Bemühungen um eine französisch englische Annäherung niederschlug; bei General de Gaulle hatte diese Annäherung theoretisch sogar bis zur Zerstörung des Gemeinsamen Marktes gehen können. Diese Besorgnis und diese Annäherung waren andererseits aber auch gerade durch die lang erwartete Umstellung Englands auf eine konkrete Zusammenarbeitmit Deutschland motiviert, die vor allem die besonders exponierten Gebiete der Atomstrategie und Atomproduktion betrifft. In Großbritannien ist ein Streit entstanden wischen denen, für die der Weg nach Europa in erster Linie über Frankreich führt, und denen, nach deren Auffassung in Zukunft. Deutschland die Funktion des Brückenkopfes erfüllen muß. Innerhalb des Kräfüedreiecks Deutschland— Frankreich—England ergeben sich so gegenwärtig zwei Möglichkeiten: rivalisierende bilaterale Beziehungen, bei denen jeder Partner auf jeden der beiden anderen Druck auszuüben versucht, indem er zu erkennen gibt, daß er sich mit dem dritten gegen ihn verbünden könnte, oder die Erkenntnis, wie destruktiv diese Taktik ist, und daß jede europäische Politik notwendig zumindest auf einer Übereinkunft zwischen diesen drei Mächten ohne doppeltes Spiel und ohne präferentielle Beziehungen zwischen zweien beruhen muß. Der erste Weg kann beim Auseinanderbrechen des Gemeinsamen Marktes und einem entweder uneingeschränkt handlungsfähigen oder verbitterten und isolierten Deutschland enden; der zweite läßt am Ende auf einen wirklichen Neubeginn des Aufbaus Europas hoffen, vor allem, wenn die Obereinkunft der drei Mächte zugleich auch die Entscheidung für eine multilaterale, stabile Verbindung statt fluktuierender bilateraler Verbindungen impliziert; dazu müßten auch multilaterale Institutionen gehören, die das Dreier Abkommen stabilisieren und den anderen europäischen Staaten den Anschluß ermöglichen. Damit sind wir beirrt Kern des Problems. Einerseits steht die Politik Westeuropas heute stärker im Zeichen der zwischenstaatlichen Diplomatie als der gemeinschaftlichen Institutionen; andererseits besteht kein Zweifel, daß die Grenzen der Macht, ihrer außenpolitischen Alleingänge und ihrer unabhängigen Diplomatie allen europäischen Staaten deutlich bewußt geworden sind und daß ein allgemeiner Wunsch nach engerer Bindung, nach einem stabileren, eindeutiger auf Westeuropa konzentrierten Zusammenschluß besteht. Die Frage ist allerdings, was die Begriffe sie nicht ein Minimum an gemeinsamen Institutionen und gemeinsamer politischer Führung beinhalten. Zweitens ist zu fragen, ob die Regierungen der europäischen Staaten den Willen und die Energie aufbringen werden, über negative Erwägungen und kurzlebige Impulse hinaus diese Aufbauarbeit in Angriff zu nehmen — und vom wem in diesem Fall die Initiative ausgehen würde. Hier tritt in zweifacher Hinsicht die entscheidende Bedeutung der innerstaatlichen Entwick lung in den verschiedenen Ländern zutage. Strauß und Brandt, Poher und Pompidou, Debre und Giscard dEstaing, Nenni und Colombo nach außen hin einig sind in dem Wunsch nach Einheit und Unabhängigkeit Europas, bestehen doch überall Konzeptions- und Prioritätskonflikte, die entscheidende Bedeutung erhalten, wenn die Initiative zu einem Neuansatz ergriffen werden soll. von dem Ausgang dieser innerstaatlichen Auseinandersetzungen, daß sich fast alle Länder in einem Zustand innerer — politischer, wirtschaftlicher öder sozialer —Unsicherheit oder Labilität befinden werden, der zu verschiedenen Resultaten führen kann.

Beide Phänomene wirken aufeinander zurück: Da ein gemeinsamer Zwang oder Wille fehlt, bleibt den einzelnen Ländern nur die Konzentration auf ihre inneren Probleme; diese wiederum erschweren den neuen Start Europas, weil sie zugleich die Aufmerksamkeit der Regierungen ausschließlich beanspruchen und von Land zu Land eine andere Lage sowie divergierende Interessen entstehen lassen. So treten als Hindernisse für die institutionelle Zusammenarbeit innerstaatliche Krisen allmählich an die Stelle außenpolitischer Gesichtspunkte.

Ebenso, wie auf Amerikas Inanspruchnahme durch den Vietnamkrieg weniger ein erneutes Engagement und Interesse der USA in Europa folgen dürfte als vielmehr die Tendenz zum Disengagement und die Konzentration auf die inneramerikanische Krise, könnte auch in Europa weniger der Nationalismus als vielmehr eine einseitige Konzentration auf die inneren, vor allem wirtschaftliehen und sozialen Probleme eine fruchtbare Zusammenarbeit kommen.

Päradoxerweise resultiert diese Wendung nach innen großenteils aus weltweiten, transnationalen Entwicklungstendenzen, vom Abbau der Handelsschranken bis zur zunehmenden Verstädterung oder dem Übergreifen der Studentenrevolten. Eine junge Generation, die den Nationalismus in einem weltweiten Internationalismus, mit Hauptinteresse für die Dritte Welt und wenig Interesse für Europa, überwunden hat, bringt die Regierungen dazu, sich bei der Auseinandersetzung mit den inneren Problemen ebenfalls von Nie zuvor gab es eine so große Ähnlichkeit der innerstaatlichen Situationen und Probleme: Protest von radikalen Minderheiten gegen das Gesellschaftssystem, Reaktion der konservativen Mehrheiten, erneute Aktivität der ethnischen oder dem Aufbau regionaler Organisationen abzuwenden.

regionalen Minderheiten, Gefühl eines Mißverhältnisses zwischen den Politikern und ihrer Sprache und den tatsächlichen Problemen. Doch führt die Gemeinsamkeit der Probleme nicht zu gemeinsamem Handeln, sondern im Gegenteil immer mehr zu einem Rückzug der einzelnen Staaten auf sich selbst. Ein "drittes Europa" oder ein "Neo Regionalismus" müßte es sich gerade zur Aufgabe machen, hier regulierend zu wirken, die Politik in feste Bahnen und eine bestimmte Richtung zu lenken, die Kluft zwischen den unterschiedlich gelagerten und großen Einheiten und Problemen zu verringern, um überhaupt eine eigene Bedeutung und eine Chance zu haben. Wirtschaftlich müssen sich die Institutionen der europäischen Gemeinschaften, die in einer nach außen hin verhältnismäßig abgeschlossenen und relativ regelmäßigen Wachstumsperiode und für eben diese Periode konzipiert wurden, vor allem auf ein weltoffeneres und unregelmäßigeres, von innerstaatlichen Krisen und Interessenunterschieden zwischen den Mitgliedstaaten stärker beeinflußtes Wachstum umstellen; ebenso wird sich politisch der Regionalismus gerade durch das Zentrifugale und Widersprüchliche einer Welt voller Zersplitterungs- und Vereinigungstendenzen rechtfertigen lassen. Der Regionalismus muß versuchen, in die Kakophonie der lokalen und weltweiten Probleme, der Subkulturen und Supsrmächte Gleichgewichts- und Dialogstruktuien einzubringen.

Allerdings muß Europa dazu seine Grenzen und Ziele definieren können, und gerade in dieser Hinsicht machen die Widersprüche und die Vielschichtigkeit der Realität Präzision in dem Maße unmöglich, wie sie dem Handeln freien Spielraum lassen.