Von Carl-Christian Kaiser

Schlachtenbummler, die sich Bonn vor dem Machtwechsel ansehen wollen, erhalten derzeit den mit Augenzwinkern erteilten Rat, sich auf die Anhöhen des Venusberges zu begeben und von dort aus das Stadtbild nach Rauchsäulen abzusuchen. Wo immer sich ein solches Flammenzeichen erhebe, so wird den Neugierigen von den Bonner Auguren nahegelegt, befinde sich ein CDU-Ministerium. Die Herren ließen ihre Akten ins Feuer wandern.

Ein Körnchen Wahrheit ist schon daran. Wer in der Bundeshauptstadt nicht damit rechnen kann, die Wachablösung zu überstehen, räumt einen Schreibtisch auf. Zwar rauchen in Bonn nicht die Kamine, zwar schreibt die gemeinsame Geschäftsordnung der Bundesministerien vor, daß alle Geschäftsvorgänge nach dem Aktenplan zu registrieren seien. Aber die Wirklichkeit kennt auch Handakten und andere Dossiers, die für manche im Archiv gestapelten Papiere erst den Hintergrund oder Schlüssel abgeben. Und schließlich erscheint dies oder jenes für Memoiren nützlich. Als Ludwig Erhard 1963 ins Kanzleramt einzog, fand er einige gähnend leere Regale und Schubladen vor; als ihm 1966 Kurt Georg Kiesinger folgte, verhielt es sich kaum anders.

Zum Aufräumen ist auch genügend Zeit, denn es tut sich nichts, und deshalb ist nichts zu tun. Die bisher von Christlichen Demokraten regierten Ministerien liegen wie im Dornröschenschlaf; im Kanzleramt ist es so ruhig wie im Herbst vor drei Jahren, als Ludwig Erhard, mit der Welt zerfallen, in seinem Bungalow saß und sich das "große Geschehen", von dem er so gern sprach, woanders abspielte – dort, wo CDU/CSU und SPD über ihre künftige Koalition berieten.

Aber auch jene, die weder dem vorläufigen Abschied noch der Versetzung auf einen anderen Posten entgegensehen, bezeigen keine sonderliche Arbeitslust. Nur noch Routineangelegenheiten werden erledigt, und wenn die Damen in den Telephonzentralen dennoch alle Hände voll zu tun haben, dann deshalb, weil man die neuesten Nachrichten und Spekulationen über den Lauf des Personalkarussells von Haus zu Haus austauscht. Alle warten auf den 23. Oktober, den Tag, an dem, kann das sozial-liberale Bündnis seinen Terminplan einhalten, die neuen Herren vor ihren Ämtern vorfahren und das Szepter in die Hand nehmen werden.

Was den Wechsel der politischen Verhältnisse, die Ablösung von Regierungsmannschaften angeht, so fehlt es Bonn an Erfahrungen. Zwar trägt man nach außenhin Gelassenheit zur Schau, aber die nervöse Spannung läßt sich dadurch nicht verbergen. Gewiß, die kärglichen Eindrücke und Tatsachen, auf die man sich stützen kann, verheißen nichts Schlimmes. Willy Brandt etwa hat, nachdem er Außenminister geworden war, eine sehr maßvolle Personalpolitik getrieben – so maßvoll, daß sich manche Genossen von ihrem Vorsitzenden tief enttäuscht zeigten.