Von Karl Heinz Wocker

London, im Oktober

Ob die britischen Konservativen eine demokratische Partei sind, darüber könnten sich die Politologen lange streiten. Bis 1965 wurden ihre Führer gekürt wie ein mittelalterlicher Kaiser. Und noch heute wirkt auf dem Parteitag der Konservativen ein Antrag, die Stimmen auszuzählen, wie ein Sakrileg.

Aber daß die Tories die Partei der größeren Erfolge sind, daran gibt es keinen Zweifel. Jedenfalls war es bisher so. Während links von ihr der mühsame Wechsel von den liberalen zu Labour vor sich ging, bildete die Konservative Partei die Konstante im Lande. In den hundert Jahren seit 1869 hat sie weitaus öfter regiert, als in der Opposition gestanden. Nun aber droht ihr, wie eine Studie, die im November herauskommt und vom Wahlexperten David Butler stammt, die langsame Auszehrung. Die sozialen Umwandlungen der britischen Nation werden, in den kommenden Jahrzehnten immer mehr die Labour Party begünstigen.

Diese Perspektive, rechtzeitig zum Parteitag von Brighton durchgesickert, wäre den Delegierten vielleicht noch nicht wie ein Schock gekommen; einem rechten Tory imponieren die eigenen Instinkte weit mehr als alle Rechenschieber der Intellektuellen. Aber da kommen noch Anzeichen einer nachlassenden Popularität der Konservativen hinzu. Der haushohe Vorsprung bei den Meinungsumfragen ist zusammengeschrumpft, und am 30. Oktober finden gleich fünf Nachwahlen zum Unterhaus statt, alle in Wahlkreisen, die bisher mit beträchtlichen Mehrheiten einem Labourkandidaten zugefallen waren. Jetzt müssen die Konservativen zeigen, ob sie noch die Favoriten sind.

Sie haben es in Brighton schwer gehabt, die Parteieinheit zu demonstrieren wie die Sozialisten auf ihrem Parteitag eine Woche zuvor. Kam bei Labour das Aufbegehren von den nach links schwenkenden Transport- und Metallarbeitern, so rückt ein starkes Kontingent im Tory-Fußvolk seit langem spürbar nach rechts. Law and order sind beliebte Parolen, und selbst ein so vernünftiges Blatt wie der "Spectator" verlangt von den Konservativen, daß sie die Partei sein müßten, die law and order wieder zum Zuge verhelfen. Da wundert es denn nicht, wenn die mit Frauen erheblich stärker als Labour durchsetzten konservativen Delegierten nach der Wiedereinführung der Todesstrafe riefen und ihre Mehrheit in dieser Frage auch statistisch ermittelt wissen wollten (1117 gegen 958). Dieser Beschluß bindet jedoch die Tory-Abgeordneten in Westminster so wenig, wie eine Gewerkschaftsresolution auf dem Labourkongreß Wilsons Linie bestimmt.

Edward Heath, der die Wolke heraufziehen sah, hatte noch wenige Tage vor dem Parteitreffen versucht, die Todesstrafe zum Tabu zu erklären, um sie aus dem kommenden Wahlkampf herauszuhalten. Aber die neuerwachte Furcht vor einer dritten Wahlniederlage hat bei vielen Tories den Ruf nach der altbewährten Bedenkenlosigkeit laut werden lassen.