Das gilt auch für die Einwanderungspolitik. Auch da warten viele Stimmen auf den, der recht zu demagogisieren weiß. Den Abgeordneten Enoch Powell hatte eine einzige Anti-Farbigen-Rede zum gefährlichen Rivalen des Parteiführers werden lassen. Zwar konnte das allmähliche Versiegen des Zustroms und die bewundernswerte Arbeit der kommunalen und sozialen Instanzen (beider Parteien übrigens) dem Problem inzwischen die frühere Schärfe nehmen. Aber als rumorendes Element einer oppositionellen Grundstimmung wirkt es fort. Powell selbst, der sich auf dem Parteitag nur zu Währungs- und Steuerfragen äußerte – sein Nahziel soll der Posten des Finanzministers sein –, hat inzwischen seinen Rassismus zu einem mehr generellen Chauvinismus sublimiert. Dem Bischof von Stepney, seinem alten Widersacher, erklärte er in einer Fernsehsendung, es sei nicht das Farbige an den Einwanderern, was ihn störe, sondern das Einwandern selbst: "Ich habe oft gesagt, daß bei einer Aussicht auf sagen wir fünf Millionen Deutsche in England gegen Ende des Jahrhunderts die Gefahr von Zerrüttung und Gewalttätigkeit wahrscheinlich größer wäre."

Doch auch ohne Powells Eingriffe wurde der gemäßigte Einwanderungskurs der Tory-Führung (praktischer Zuzugstopp für Männer, aber mit der Erlaubnis, Frauen und minderjährige Kinder nachzuholen) von einem großen Teil der Delegierten abgelehnt. Wieder wurde eine Auszählung verlangt: 1349 Stimmen gegen 954. Diese vierzig Prozent Opposition legte jedermann als die Anhängerschaft des "Gurus von Wolverhampton" aus, und die "Times" nannte die Abstimmung schlicht einen "Rutsch in Richtung Powell".

Die Konferenz von Brighton muß jedoch für diesen starken Mann im Hintergrund auch eine Warnung gewesen sein, den Bogen nicht zu überspannen. Daß er sich seit jüngstem als Gegner eines britischen EWG-Beitritts aufspielt, nachdem er lange Zeit überzeugter Befürworter war, wird ihm selbst in den eigenen Reihen als blanker Opportunismus ausgelegt. Heath und der Vorstand errangen daher in der dritten Auszählung des Kongresses zur Europapolitik ihren klarsten Sieg (1452 zu 475). Und auch das Verlangen mancher Powell-Enthusiasten nach einem Führungswechsel an der Tory-Spitze – mit Zeitungsanzeigen und einer Zehntausend-Pfund-Sammlung naiver Geschäftsleute für einen Kampffonds – haben dem Idol der Rechten mehr geschadet als genutzt.

Zudem schickte eine versierte Parteitagsregie den immer noch verehrten Sir Alec Douglas-Home in eben dem Augenblick zum bejubelten Einzug auf die Vorstandsempore, in dem Enoch Powell als nächster Redner angekündigt wurde. Der etablierte Alt-Führer ließ dem suspekten Emporkömmling nicht viel Beifall und Bravorufe übrig.

Und Heath? Der Mann, der einen wieder Tritt fassenden Wilson schlagen soll, einen Wilson, der jetzt jeden Monat Handelsüberschüsse präsentieren und also behaupten kann, sein Kurs sei zwar dornig, aber gerade und erfolgreich gewesen? Nach den nicht sehr ermutigenden Abstimmungen kam zum Abschluß die Rede von Heath, den sie alle nicht wiedererkannten. Er schien unbeeindruckt von Rückschlägen, zahlte dem Premierminister in ironischer Münze heim und strahlte vor Siegeszuversicht.

Wenn es eine angenommene Rolle war, so war sie glänzend gespielt. Er setzte sich über die Todesstrafen-Debatte mit dem Hinweis hinweg, das sei eine Gewissenssache für die gewählten Abgeordneten. Er ließ auch in der Einwanderungsfrage ein paar Unterschiede zu Powell bestehen, freilich nicht ganz so viele, wie es seiner Rechtschaffenheit anstünde. Er verhöhnte Labours technologische Versprechen mit einem Zitat, in dem Wilson 1963 den Bau kleiner, einfacher Dampfmaschinen für ebenso wichtig bezeichnet hatte wie die Entwicklung des Farbfernsehens oder den Export von Waschmaschinen. Der Parteitag bog sich vor Lachen. Daß mit den kleinen Maschinen die Bedürfnisse der Entwicklungsländer gemeint waren, wie aus dem Zusammenhang klar hervorgeht, daß also ein nobler Vorschlag für einen billigen Trick herhalten mußte, danach wurde nicht gefragt. Die geringe Zuversicht, die sich an Edward Heath als Person knüpft, wollte sich niemand trüben lassen.