Berlin

Mit geübter Routine wurde Westberlin auf den Besuch der amerikanischen Mondfahrer vorbereitet. Schulfrei gehört dazu. Dauerübertragung von Rundfunk und Fernsehen, die Jubelroute – mit Mauerstopp, versteht sieht – wurde unübersehbar repetiert. "Am Montag werden wir wieder, beweisen, wie Berlin seine Gäste empfängt", hieß es in einem Aufruf des Regierenden Bürgermeisters, der am vergangenen Freitag veröffentlicht wurde.

An genau diesem Freitag aber hatte Westberlin anderen Weltraumbesuch, unbeachtet, ohne Lärm und Aufrufe, die Mauer wurde nicht besichtigt, sondern durchfahren: Valentina Tereschkowa. Sie war zum DDR-Jubiläum in Ostberlin und kam nach Westberlin, eingeladen von der Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft. In einem bürgerlichen Restaurant am Olympiastadion hielt sie vor geladenen Gästen, fast ausschließlich westlichen Genossen, einen kurzen Vortrag. Es wurde viel geraucht, und die Kellner verkauften vor allem Bier.

Sie wirkt zierlich, fast klein, kaum Make-up, die Frisur akkurat. Ebenso das königsblaue Schneiderkostüm mit schlichtem weißen Pullover. Doch es wäre wohl langweilig ohne die beiden funkelnden Medaillen, eine auf der linken, die andere auf der rechten Brust. Die Medaillen erinnern daran, wer diese hübsche, unauffällige Frau ist: "Held der Sowjetunion", die erste Frau, die vor sechs Jahren in einer Raumkapsel neunundvierzigmal die Erde umkreiste, 71 Stunden lang. Dieser Flug so hoch hinaus über das Übliche ist es, was Frauen und Mädchen ins Träumen geraten läßt und Männern Respekt abfordert. Die Tereschkowa weiß das.

Wenig Persönliches ist von dieser Frau bekannt, die von Freunden Walja gerufen wird, von ihrer Mutter Waljuschka. Immerhin, daß sie 32 Jahre alt ist, verheiratet, Mutter einer fünfjährigen Tochter. Sie bevorzugt das Parfüm "Rotes Moskau", lackiert ihre Fingernägel, und am Mittelfinger ihrer linken Hand trägt sie einen kostbaren Brillantring.

Was sie sagt – selbstbewußt und mit energischer Stimme –, klingt für uns, die wir an so große Worte wenig gewöhnt sind, oft arg pathetisch – eine Reisende in Sachen Public Relations für die Sowjetunion. Wer Ewigweibliches in ihrem Vortrag erwartet, wird enttäuscht. Wenn sie die Gleichberechtigung der Frau in ihrem Land preist, dann mit Zahlen: "Jeder dritte Ingenieur bei uns ist eine Frau, über 70 Prozent aller Ärzte, mehr als 60 Prozent der Pädagogen." Das Weibliche erwähnt sie zwar, aber – etwa in Erinnerung an ihren Raumflug – so: "Der ganze Flug war eine unvergeßliche Zeit. Am aufregendsten war für mich der Augenblick, als ich den Knüppel des Raumschiffes in der Hand hielt und es selbst lenkte. Es erfüllte mich mit Freude, daß eine ‚zärtliche Frauenhand‘ – so nennen sie doch die Männer gern – die komplizierte Weltraumtechnik meistert." Aber sie betont, daß es "im Weltraum für Frauen kein Pardon" gibt. An sie werden bei der Vorbereitung zum Flug die gleichen Anforderungen gestellt wie an ihre männlichen Kollegen. Ihrer Meinung nach können Frauen beim Weltraumflug unentbehrlich werden. "Stellen Sie sich einen bemannten Flug zum Mars vor. Sieben Monate hin, anderthalb Jahre muß man oben bleiben, weil erst dann der Mars in seiner Umlaufbahn um die Erde wieder in der richtigen Position ist, sieben Monate zurück. Und das nur mit Männern!" Es fällt auf, daß sie nie von sich, stets von "den Frauen" ganz allgemein spricht. Kein Wort darüber, daß sie bisher die einzige Frau geblieben ist, die es so hoch hinaus gebracht hat. "Schwer zu sagen, warum gerade ich dafür ausgewählt worden bin", sagt sie.

Sie ist übrigens nicht nur für gemischte Mannschaften, was die Geschlechter, sondern auch was die Nationalitäten angeht. "Ich hätte gern die drei amerikanischen Mondfahrer begrüßt, aber leider fliege ich, zwei Tage bevor sie nach Berlin kommen, nach Moskau zurück."