Von Karl-Heinz Janßen

Der Krieg war im Sommer 1914 geistig, militärisch, politisch-diplomatisch und wirtschaftlich wohlvorbereitet. Er mußte nur noch ausgelöst werden." Mit dieser provozierenden These über die Alleinschuld des Deutschen Reiches am Ersten Weltkrieg schockierte der Hamburger Historiker Fritz Fischer am 3. September 1965 die internationale Gelehrtenwelt – in einem Artikel in der ZEIT. In diesem Herbst nun tritt er auf achthundert Seiten eines neuen Buches

Fritz Fischer: "Krieg der Illusionen. Die deutsche Politik von 1911 bis 1914"; Droste Verlag, Düsseldorf 1969; 792 Seiten, 39,– DM

für seine These den Beweis an. Es bedarf keiner Prophetengabe, um schon jetzt voraussagen zu können, daß dieser "zweite Fischer" ebenso die Gemüter aufwühlen wird wie sein mittlerweile weltberühmtes Buch "Griff nach der Weltmacht".

Sein großer Erfolg von 1961 genügte ihm anscheinend nicht, obschon er heute allen Grund hätte, über die Schar seiner harten Kritiker und boshaften Feinde zu triumphieren. Was 1961 ältere Historiker noch wie ein Sakrileg anmutete, was Bonner Politikern fast wie Landesverrat vorkam, zumindest aber als Nestbeschmutzung anrüchig schien, ist heute Allgemeingut der deutschen Geschichtsschreibung. Niemand wagt es mehr, das Märchen von dem "uns aufgezwungenen Krieg" aufzutischen, niemand flüchtet sich mehr hinter die so bequeme, auf Versöhnung bedachte Geschichtsdeutung Lloyd Georges, daß alle europäischen Großmächte mehr oder weniger in den Krieg "hineingeschlittert" seien. Unbestritten ist heute die Hauptschuld Deutschlands am Ersten Weltkrieg. Fraglich sind nur noch die Motive.

Fritz Fischer hält sein zweites Buch für viel wichtiger als das erste. Sicher ist es besser geschrieben, wenngleich auch diesem Werk bedauerlich viele Mängel anhaften. Es ist wieder um die Hälfte zu lang; in ermüdender Monotonie werden Akten referiert, Zeitungsartikel zitiert, Produktionsziffern aneinandergereiht; ärgerlich oft werden Zitate und Tatsachen wiederholt (dies mag sich daraus erklären, daß Fischer einige Dissertationen seiner Schüler, zuweilen etwas gewaltsam, in das Buch eingefügt hat). Man darf bezweifeln, ob irgend jemand das Buch in einem Zuge durchlesen wird. Doch dieser Mängel ungeachtet: Man muß es lesen. Nicht nur die Fachhistoriker. Vielen deutschen Bürgern könnte das Material, das Fischer in sechs Jahren angehäuft hat, die Augen öffnen.

Fischers Problem ist auch diesmal wieder die Kontinuität in der deutschen Politik von 1900 bis 1945 und wohl gar noch darüber hinaus. Er will jene Historiker widerlegen, die den zweifellos vorhandenen deutschen Imperialismus in der Vorkriegszeit auf die "Wunschträume deutscher Patrioten" und die Hirngespinste beschränkten Alldeutscher reduzieren möchten. Er glaubt nachweisen zu können, daß das Zusammenspiel von Wirtschaft und Politik sowohl die diplomatischen Aktionen Deutschlands als auch die Tendenzen der inneren Politik mitbestimmt hat, so wie es dem Historiker Erich Marcks vor 1914 aufgefallen war: "Wirtschaft und Macht sind auf das innigste vermählt."