Das Spiel mit dem Krieg – Seite 1

Von Karl-Heinz Janßen

Der Krieg war im Sommer 1914 geistig, militärisch, politisch-diplomatisch und wirtschaftlich wohlvorbereitet. Er mußte nur noch ausgelöst werden." Mit dieser provozierenden These über die Alleinschuld des Deutschen Reiches am Ersten Weltkrieg schockierte der Hamburger Historiker Fritz Fischer am 3. September 1965 die internationale Gelehrtenwelt – in einem Artikel in der ZEIT. In diesem Herbst nun tritt er auf achthundert Seiten eines neuen Buches

Fritz Fischer: "Krieg der Illusionen. Die deutsche Politik von 1911 bis 1914"; Droste Verlag, Düsseldorf 1969; 792 Seiten, 39,– DM

für seine These den Beweis an. Es bedarf keiner Prophetengabe, um schon jetzt voraussagen zu können, daß dieser "zweite Fischer" ebenso die Gemüter aufwühlen wird wie sein mittlerweile weltberühmtes Buch "Griff nach der Weltmacht".

Sein großer Erfolg von 1961 genügte ihm anscheinend nicht, obschon er heute allen Grund hätte, über die Schar seiner harten Kritiker und boshaften Feinde zu triumphieren. Was 1961 ältere Historiker noch wie ein Sakrileg anmutete, was Bonner Politikern fast wie Landesverrat vorkam, zumindest aber als Nestbeschmutzung anrüchig schien, ist heute Allgemeingut der deutschen Geschichtsschreibung. Niemand wagt es mehr, das Märchen von dem "uns aufgezwungenen Krieg" aufzutischen, niemand flüchtet sich mehr hinter die so bequeme, auf Versöhnung bedachte Geschichtsdeutung Lloyd Georges, daß alle europäischen Großmächte mehr oder weniger in den Krieg "hineingeschlittert" seien. Unbestritten ist heute die Hauptschuld Deutschlands am Ersten Weltkrieg. Fraglich sind nur noch die Motive.

Fritz Fischer hält sein zweites Buch für viel wichtiger als das erste. Sicher ist es besser geschrieben, wenngleich auch diesem Werk bedauerlich viele Mängel anhaften. Es ist wieder um die Hälfte zu lang; in ermüdender Monotonie werden Akten referiert, Zeitungsartikel zitiert, Produktionsziffern aneinandergereiht; ärgerlich oft werden Zitate und Tatsachen wiederholt (dies mag sich daraus erklären, daß Fischer einige Dissertationen seiner Schüler, zuweilen etwas gewaltsam, in das Buch eingefügt hat). Man darf bezweifeln, ob irgend jemand das Buch in einem Zuge durchlesen wird. Doch dieser Mängel ungeachtet: Man muß es lesen. Nicht nur die Fachhistoriker. Vielen deutschen Bürgern könnte das Material, das Fischer in sechs Jahren angehäuft hat, die Augen öffnen.

Fischers Problem ist auch diesmal wieder die Kontinuität in der deutschen Politik von 1900 bis 1945 und wohl gar noch darüber hinaus. Er will jene Historiker widerlegen, die den zweifellos vorhandenen deutschen Imperialismus in der Vorkriegszeit auf die "Wunschträume deutscher Patrioten" und die Hirngespinste beschränkten Alldeutscher reduzieren möchten. Er glaubt nachweisen zu können, daß das Zusammenspiel von Wirtschaft und Politik sowohl die diplomatischen Aktionen Deutschlands als auch die Tendenzen der inneren Politik mitbestimmt hat, so wie es dem Historiker Erich Marcks vor 1914 aufgefallen war: "Wirtschaft und Macht sind auf das innigste vermählt."

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Fischer übersieht keineswegs, daß wirtschaftlicher Imperialismus, der "Zwang" zur Weltpolitik allen Industrienationen der Erde zu Beginn dieses Jahrhunderts gemeinsam war. Der deutsche Imperialismus jedoch gilt als Sonderfall, weil das Deutsche Reich als letzter und verspätet in den Kreis der Großmächte eintrat, die den größten Teil der Erde bereits unter sich aufgeteilt hatten. Getragen wurde die Expansionspolitik von Großindustrie und Großgrundbesitz, also den führenden Gesellschaftsschichten des wilhelminischen Reiches, die wiederum "mit der von konservativem Geist erfüllten Armee und der Staatsbürokratie ideologisch und gesellschaftlichpersonell verzahnt" waren. Sie benutzten die Weltpolitik als Instrument, um von den sozialen Spannungen im Innern nach außen abzulenken. Fischer: "Nach dem Scheitern des Sozialistengesetzes 1890 sollte die neue Formel für Rationale Erziehung’ zur Weltpolitik den Mangel an Integration ersetzen."

Diese Sicht der Dinge ist freilich weder neu noch sensationell. Der gleich Fischer umstrittene und bisweilen verfemte deutsch-amerikanische Historiker und Imperialismus-Forscher George W. F. Hallgarten hat dafür in den letzten Jahrzehnten eine Menge Material zusammengetragen. Er schrieb noch jüngst: "Infolge der Eingriffe der Wehr- und Flottenvereine, der Industrie- und Handelsverbände, der Studentenverbindungen und der politischen Organisationen von der Art der Alldeutschen sowie infolge des nie nachlassenden Druckes der imperialistischen Presse und der großen Monopole, die sie kontrollierten, wurden alle politischen Probleme jener Zeit derart vergiftet, daß ein allgemeiner Krieg von einem zum anderen Tag ausbrechen konnte."

Kürzer und stilvoller hat es Reichskanzler von Bethmann Hollweg bereits im ersten Kriegsjahr ausgedrückt; eben jener Bethmann Hollweg, den Fritz Fischer mit den alldeutschen Schreiern über einen Kamm schert: "Wir haben ja in unserer inneren und äußeren Politik in der Lüge gelebt. Ein schreierischer, überforscher, renommistischer, schwatzhafter Geist war in unser Volk gebracht worden." Dieses Kanzlerwort sollte ursprünglich dem neuen Buch Fritz Fischers als Motto vorangestellt werden. Offensichtlich schien es ihm zu schmeichelhaft für Bethmann Hollweg; er wählte statt dessen eine Nachkriegsrede General Groeners, worin dieser seinen Offizieren anvertraut, wie man für Deutschland die Weltmacht zurückgewinnen könne.

Mit dem Begriff der Weltmacht kommt Fischer auch diesmal wieder nicht zu Rande. Im Selbstverständnis der Zeitgenossen und in der politischen Praxis war das Deutsche Reich unter Wilhelm II. nicht weniger eine Weltmacht als Großbritannien, Frankreich, Amerika und Rußland. Es blieb der führenden Welthandelsmacht England nahe auf den Fersen. Einige seiner Industriezweige waren führend in Europa und der halben Welt. Seine Kriegsschiffe durchfurchten alle Ozeane. Sein Kaiser schickte einen "Weltmarschall" nach China und proklamierte sich selber zum Schutzherrn von vierhundert Millionen Muselmanen.

Die deutschen Imperialisten wollten also nicht die Weltmacht erlangen, sondern die bereits vorhandene Weltmacht ausbauen, womöglich bis zur Weltherrschaft. Zumindest sollte nach ihrem Willen Deutschland die Hegemonialmacht eines vereinigten Europas werden. Was damals eine von Schwerindustrie und Reichsämtern geförderte Propaganda der Nation suggerierte, wurde von Millionen Deutschen aller Klassen begierig aufgesogen. Das alldeutsche Schlagwort: "Deutschland wird Weltmacht sein oder es wird nicht sein", kehrt dreißig, vierzig Jahre später fast wörtlich bei Adolf Hitler wieder. Und die von Hitler gern benutzte Formel vom "germanischen Reich deutscher Nation", die er sich ebenfalls vor 1914 angelesen hatte, rührte noch 1937 einen Generalfeldmarschall von Blomberg zu Tränen. Kontinuität deutscher Geschichte ...

Seitenlang läßt Fritz Fischer die Elite der deutschen Imperialisten Revue passieren. Erlauchte Namen darunter, Historiker, Nationalökonomen, Geographen, Industriebosse und Parteiführer, Generäle und Admiräle; dazu die vielen Mitläufer: Pastoren, Turner, Oberlehrer und Marinebauräte, jeder ein kleiner Kaiser Wilhelm ("Es ist erreicht!").

Der Drang nach dem "Platz an der Sonne" ging einher mit einer irrationalen Bewunderung für Erscheinungsformen der vorkapitalistischen Zeit. Die Deutschen trieben Weltwirtschaftspolitik mit schlechtem Gewissen. Die Rückständigkeit ihrer Gesellschaft und ihrer Verfassung wurde zur Tugend stilisiert. In Fischers Kaleidoskop erscheint die geistige Welt der deutschen Imperialisten von Rechts bis Links der Mitte als ein krauses Gemisch sozialdarwinistischer und rassistisch-völkischer Ideen. Hinter dem falschen Auftreten verbarg sich die Angst einer jungen Nation, im Kreis der alten Mächte übervorteilt zu werden. Einer grotesken Selbstüberschätzung entsprach die Unterschätzung der anderen, vor allem Rußlands. Die böse Saat, die später "im Ostland" unter den Händen eines Alfred Rosenberg, eines Walther Darré, eines Erich Ludendorff und eines Heinrich Himmler aufging, sie wurde schon in der guten alten Zeit vor 1914 ausgestreut. Besonders baltendeutsche Emigranten taten sich bei der antirussischen Propaganda ("Koloß auf tönernen Füßen") hervor: der Kriegstreiber General von Bernhardi; der Publizist und Leitartikler der "Kreuz-Zeitung", Theodor Schiemann, ein Freund des Kaisers; sein Kollege Paul Rohrbach und der Historiker Johannes Haller, dessen "Deutsche Geschichte" noch nach 1945 an deutschen Schulen gelesen wurde.

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Fritz Fischer unterstellt – auch wenn nicht immer expressis verbis –, das Weltmachtstreben der Schwerindustrie und des alldeutschen Gefolges habe von Anfang an den Krieg in Rechnung gestellt. Aber in seinem Buch finden sich genug Belege für einen "friedlichen Imperialismus" (vielleicht dank der Assistenz von Fischers Doktoranden, die nicht mit solch lutherisch-fränkischer Starrköpfigkeit wie ihr Lehrer die vorgefaßte These verfechten): Walther Rathenau (AEG) zum Beispiel verstand seinen Plan eines mitteleuropäischen Zollvereins als Möglichkeit, einen Krieg in Europa zu vermeiden. Und schon gar nicht war Reichskanzler Bethmann Hollweg ein unbedingt zum Krieg entschlossener Imperialist, als den ihn Fischer zumindest seit Anfang 1913 sehen möchte.

In der ersten Biographie Bethmann Hollwegs, die Eberhard von Vietsch soeben vollendet hat, wird eine bezeichnende Episode wiedergegeben. Als Admiral von Tirpitz den Kanzler aufforderte, er müsse dem deutschen Volke ein großes Ziel weisen, habe Bethmann Hollweg erstaunt gefragt: "Was denn für ein Ziel?" Dieses Zeugnis wirkt um so glaubwürdiger, da der Kanzler nach der Marokkokrise 1911, als die deutschen Rechten und die Militärs Frankreich massakrieren wollten, einem Freunde schrieb, man könne doch keinen Krieg führen, weil man gar kein Kriegsziel habe. Bei Vietsch sind jene Dokumente nachzulesen, die "Staatsanwalt" Fischer unterschlägt: Mit Ruhe und Geduld, ohne die Existenz des Reiches aufs Spiel zu setzen, wollte Bethmann Hollweg die Weltstellung Deutschlands allmählich ausbauen, ihm hier und da noch ein paar Kolonien, größere Handelsvorteile verschaffen.

Aber dieser Kanzler, von Haus aus Verwaltungsmann, von Natur ein Grübler und Skeptiker, hatte eine nahezu unlösbare Aufgabe übernommen. Mit den rechten Radikalen mochte er, mit den Linken und Liberalen durfte er sich nicht verbünden; er mußte ständig gegen den Geist des Nationalismus und Chauvinismus regieren, der so weite Teile der Nation ergriffen hatte; auf den einzigen Mann, von dessen Gnade seine Macht abhing, den Kaiser nämlich, war wenig Verlaß; nur zu leicht lieh dieser den Kriegstreibern sein Ohr, um dann im entscheidenden Moment aus Angst vor dem Waffengang zu "kneifen" (doch hinderte ihn dies nicht, den "Zivilkanzler" der "Schlappheit" zu bezichtigen). Und beinahe hoffnungslos war die Reichsleitung den Ansprüchen der Militärs unterlegen – kein Wunder in einem Staate, wo der jüngste Leutnant bei Hofe mehr galt als der Reservistenkanzler.

Wer Fischers unerbittliches Anklageplädoyer liest, könnte darüber leicht vergessen, daß dazumal der Krieg als äußerstes Mittel der Politik, mitnichten so verabscheut wurde wie im Atomzeitalter. Was heute als unerträgliche Verherrlichung des Krieges wirkt, wurde damals als selbstverständlicher Ausdruck des "Zeitgeistes" empfunden. Fischer und seine Schüler haben eine Reihe solcher Äußerungen gesammelt. Die "Ostpreußische Zeitung" (in der Gesinnung dem "Ostpreußenblatt" von heute nicht unähnlich) forderte im Dezember 1912 einen "frischen, fröhlichen Krieg", dann werde auch bei der nächsten Wahl von den hundertzehn Sozialdemokraten im Reichstag nicht mehr viel übrigbleiben. Die "Jungdeutschland-Post" jubelte (im Jahre 1913): "Der Krieg ist schön." Es sei herrlicher, "auf der Heldentafel in der Kirche ewig fortzuleben als namenlos den Strohtod im Bett zu sterben". Schon im November 1911 meinte die "All. Evang.-Luth. Kirchenzeitung", ein Volk brauche große Prüfungen, um nicht im wachsenden Materialismus, in Genußsucht und Schlemmerei zu versinken. Im Vorwort zu dem Buch "Deutschland in Waffen" schildert Kronprinz Wilhelm eine Reiterattacke im Manöver, bei der einer seiner Kameraden, ausruft: "Donnerwetter, wenn das doch Ernst wäre!" Oberst Ludendorff schrieb Anfang 1913 einem Freund: "Ich glaube, gerade dieser ewige Friede ist an aller politisch-militärischen Zerfahrenheit schuld." Wen wundert da noch die Randnotiz des Kaisers: "Die ewige Betonung des Friedens bei allen Gelegenheiten hat in den dreiundvierzig Friedensjahren geradezu eine eunuchenhafte Anschauung unter den leitenden Staatsmännern und Diplomaten Europas gezeitigt."

Wer so dachte und fühlte – und das war wohl doch die Mehrheit aller Deutschen (auch die Sozialisten wollten ja freudig ihren Tornister schnallen, wenn es gegen das verhaßte Zarenreich ging –, der mußte den Kriegsausbruch im August 1914 wie eine Erlösung, wie ein reinigendes Gewitter nach unerträglicher Schwüle begrüßen. Aber nicht nur in Berlin, auch in Wien, Paris und London jubelten die Menschen dem Gott des Krieges zu. Fischer hält sich mit derlei vergleichenden Betrachtungen gar nicht erst auf. Weder reflektiert, noch differenziert er. Er horcht nicht auf Zwischentöne und ist in der Einseitigkeit seiner Akten- und Leitartikelgläubigkeit beinahe schon wieder bewundernswert. Seine Darstellung ermangelt deshalb des dramatischen Akzents, Wo in Wirklichkeit, um einen modernen Ausdruck zu benutzen, "Falken" und "Tauben" in den Lüften schwirren, erstarrt bei ihm alles zu einer einzigen, grauen, imperialistischen Masse, in der ein paar bürgerliche Pazifisten und radikale Sozialisten kaum wiederzufinden sind.

Vor lauter Entdeckerfreude über die enge Verflechtung politischer und wirtschaftlicher Interessen neigt Fischer dazu, den Entscheidungsspielraum der Diplomatie, die Interessen nackter Machtpolitik, die Gebote der "Staatsräson", den Sachzwang der Bündnisverpflichtungen, die gefährliche militärgeographische Lage Deutschlands viel zu gering zu veranschlagen. Es bleibt unerfindlich, warum er seine Darstellung erst, im Jahre 1911 einsetzen läßt, während doch die erste, von Deutschland ausgehende Gefährdung des Friedens schon sechs Jahre früher datiert. In der Marokkokrise von 1905/06 hat der Geheimrat Holstein im Auswärtigen Amt, unterstützt vom Generalstabschef Schlieffen, zum erstenmal jene Politik hart am Rande des Krieges praktiziert; die den Ring der Einkreisung um Deutschland zersprengen und das Gleichgewicht in Europa zugunsten des Deutschen Reiches verändern sollte.

Fischer hat keinen Sinn für diese Politik des "kalkulierten Risikos", des "Bellen, nicht beißen" (Holstein), die fortan, bis 1914 vom Auswärtigen Amt und vom Generalstab mit wechselndem Erfolg angewandt wurde: in den Balkankrisen von 1909, 1912, 1913 und in der zweiten Marokkokrise von 1911 (Panthersprung). Der Ablauf war fast immer der gleiche: Unerwartet kriegerisches Auftreten der Deutschen in der Anfangsphase, Verhandlungsbereitschaft in der zweiten Phase – wenn Kaiser und Reichskanzler bei diesem Pokerspiel mit höchstem Einsatz die Nerven verloren –, Nachgiebigkeit in der Schlußphase.

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Am auffälligsten war die Diskrepanz zwischen Anspruch und Ergebnis in der zweiten Marokkokrise, als Deutschland statt der erwünschten Erzgebiete in Südmarokko oder des französischen Kongo/Brazzaville nur ein paar verseuchte Sumpfgebiete in Kamerun dazugewann. Bethmann Hollweg, weniger kriegsbereit als sein energischer Staatssekretär des Äußeren, Kiderlen-Wächter, meinte rückblickend (dieses Zitat steht in Fischers Buch!): "Krieg für den Sultan von Marokko, für ein Stück Sus oder Kongo oder für die Gebrüder Mannesmann wäre ein Verbrechen gewesen. Aber das deutsche Volk hat diesen Sommer so. leichtfertig mit dem Krieg gespielt. Das stimmt mich ernst, dem mußte im entgegentreten. Auch auf die Gefahr hin, den Unwillen des Volkes auf mich zu laden." So spricht kein Staatsmann, der auf einen Macht- und Hegemonialkrieg versessen ist. Man sieht, Fischer widerlegt seine These selber.

Die große Frage, die Fischer trotz eines Riesenaufwandes so unzulänglich beantwortet, bleibt nach wie vor: Warum hat sich Bethmann Hollweg gerade im Juli 1914 auf das Risiko eines Weltkrieges eingelassen, obschon in den früheren Jahren die politischen und militärischen Gelegenheiten viel günstiger gewesen wären?

Fischer glaubt, den Schlüssel entdeckt zu haben: im sogenannten Kriegsrat, zu dem Kaiser Wilhelm II. am 8. Dezember 1912 General von Moltke und Großadmiral von Tirpitz gebeten hatte. Wenige Tage zuvor hatte der deutsche Botschafter in London, Lichnowsky, berichtet, daß Großbritannien bei einem deutschen Angriff auf Frankreich, der sich aus einer Krise auf dem Balkan entwickeln könne, im Lager der Feinde Deutschlands stehen würde. Der Kaiser zog daraus den Schluß, man müsse sofort gegen Rußland und Frankreich den Krieg eröffnen und die Flotte gegen England in See schicken. Die Presse sollte sogleich das Volk auf den Krieg vorbereiten. General von Moltkes Kommentar: "Ich halte einen Krieg für unvermeidlich und: je eher, desto besser." Tirpitz jedoch wiedersprach: Man solle den großen Kampf noch um anderthalb Jahre hinausschieben, weil die Marine noch nicht fertig sei.

Was von diesem Kriegsrat zu halten ist, besagt am besten der Schlußsatz in der Aufzeichnung des anwesenden Admirals von Müller: "Das Ergebnis war so ziemlich null." So hat es denn auch der nicht eingeladene, aber nach der Verfassung verantwortliche Reichskanzler gesehen! Er ließ sich nicht in seinen Bemühungen irremachen, eine Verständigung mit England herzustellen, mit dem Deutschland derzeit in der Balkankrise zusammenarbeitete. Einem Vertrauten schrieb er wenige Tage danach: "Wir dürfen keine nervöse Hampelmann-Politik treiben, sonst reißt den anderen doch einmal die Geduld." Ich vermag daraus keine Entschlossenheit zum Kriege zu lesen. Fischer jedoch behauptet das Gegenteil. Sein einziger Beleg ist eine Erzählung des Kaisers, "daß der Reichskanzler sich jetzt doch an den Gedanken eines Krieges gewöhnt habe", wie er denn überhaupt jeden Rülpser des Monarchen ernst nimmt.

Unbestreitbar hatte sich die Lage in Europa in der zweiten Balkankrise erheblich zugespitzt. Das Wettrüsten erreichte ungeahnte Ausmaße, wobei es interessant ist, daß die Firma Krupp auch Rußland mit Kanonen versorgte (wie Hallgarten nachgewiesen hat), eben jenes Rußland, das von der Rechtspresse als der gefährlichste Feind Deutschlands angeprangert wurde. Fischer glaubt aus verschiedenen Tatbeständen folgern zu können, daß der deutsche Imperialismus in eine Sackgasse geriet, aus der es kein anderes Entweichen mehr gab als den Krieg:

1. Nach der Marokkokrise wurde die Expansion der rheinischen Schwerindustrie in Frankreich eingedämmt; französisches Kapital begann, das kapitalärmere Deutschland in Rußland und in der Türkei und sogar in Österreich-Ungarn auszustechen.

2. Deutschland war, um ein Abschwenken seines einzigen Verbündeten Österreich-Ungarn ins westliche Lager zu verhindern, gezwungen, den Österreichern auf Kosten der befreundeten Türkei mehrere große Anleihen zu geben.

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3. In der Türkei, wo sich Deutschland durch Militär- und Finanzhilfe einen beherrschenden Einfluß zu verschaffen suchte, mußte es 1913/14 mangels Kapitals in die Rolle eines Juniorpartners Großbritanniens einwilligen. Klagte der Kaiser: "Da wir kein Geld haben. Sie sind nicht an der Starige mehr!"

4. Die deutschen Bemühungen, den belgischen Kongo, "das reichste Stück des mittleren Afrika", zu erwerben und darüber hinaus von dem verschuldeten Portugal die Kolonie Angola, waren gescheitert, weil England nicht in eine Änderung des mittelafrikanischen Status quo einwilligen wollte.

5. Auf dem Balkan, der für Deutschland als Durchgangsland zum Orient und als wirtschaftliches Betätigungsfeld wichtig war, begann sich eine neue politische Konstellation unter dem Patronat der Russen und Franzosen abzuzeichnen.

6. Die deutsche Wirtschaft litt im letzten Friedensjahr unter einer Rezession, die freilich auch in anderen europäischen Ländern auftrat. Mit Rußland geriet das Reich in schwere handelspolitische Auseinandersetzungen.

Aus all dem folgert Fischer Motive für den deutschen Angriffskrieg. Was er freilich über die wirtschaftlichen und finanziellen Kriegsvorbereitungen anführt, ist sehr enttäuschend. Die Erörterungen der Berliner Ämter gingen nicht über die übliche Vorsorge für den Eventualfall hinaus.

Fischer hat ein bemerkenswertes Geschick, sich immer wieder selbst zu widerlegen. So zitiert er für 1913 einen Brief Bethmann Hollwegs: "Hoffentlich glückt es, die Aufwerfung der kleinasiatischen Frage jetzt noch hinauszuschieben. Aber kommen wird sie und wahrscheinlich früher, als uns lieb ist. Lösen können wir sie dann in einer für uns erträglichen Weise nur mit England." Was nichts anderes heißt als – Lösung ohne Krieg.

Der Mord von Sarajevo leitete zunächst nichts anderes ein als eine der vielen Balkankrisen, die seit 1909 die Gefahr eines Krieges zwischen Dreibund und Triple-Entente heraufbeschworen hatten. Auch der "Blankoscheck", den Berlin den Österreichern für ihren Strafkrieg gegen Serbien ausstellte, unterschied sich in nichts von früheren Zusagen des Kaisers, der Reichsleitung und des Generalstabs. Allerdings könnten alle von Fischer genannten Faktoren der Reichsleitung den Entschluß zum äußersten Risiko erleichtert haben.

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Der in Amerika lebende Historiker Konrad H. Jarausch, der zur Zeit an einer politischen Biographie Bethmann Hollwegs arbeitet, hat jüngst noch einmal die Politik des Reichskanzlers im Juli 1914 analysiert. Gegenüber Fischer hatte er den Vorteil, den vollen Text des immer noch nicht veröffentlichten Tagebuches zu kennen, das Bethmann Hollwegs Mitarbeiter Riezler verfaßt hat. Demnach hat der Kanzler im Juli 1914 drei Alternativen gesehen:

1. einen lokalisierten österreichisch-serbischen Krieg, der praktisch die Entente gesprengt hätte (Voraussetzung war freilich ein schnelles Handeln der Österreicher);

2. einen Kontinentalkrieg mit Rußland und Frankreich, den Deutschland zu gewinnen hoffte, vorausgesetzt, daß sich Rußland zunächst neutral verhalten würde;

3. einen Weltkrieg mit Beteiligung Englands. Der Kanzler bevorzugte die erste Lösung, riskierte aber auch die anderen. Viel klarer als Fischer arbeitet Jarausch heraus, daß Bethmann Hollweg zwar auf eine britische Kooperation wie bei der letzten Balkankrise gehofft hat, jedoch keinesfalls der britischen Neutralität sicher gewesen ist. Das Ziel des Kanzlers war es, die anderen Großmächte durch Kriegsdrohung einzuschüchtern und vor ein fait accompli zu stellen. In der Biographie von Vietsch wird diese These vollauf bestätigt.

Fischer jedoch hat sich derart in seine Theorie verbissen, daß er nicht einmal mehr die inzwischen allgemein akzeptierte Version vom deutschen Präventivkrieg anerkennen will, den zumindest der deutsche Generalstab und unter seinem Einfluß auch das Auswärtige Amt inszeniert haben. Erhärtet wurde diese Version durch die Untersuchungen des Basler Historikers Adolf Gasser. Er hat eine Tatsache ins Licht gehoben, die bisher von den Historikern übersehen worden war: Im April 1913 verzichtete der deutsche Generalstab zum erstenmal auf einen großen Ostaufmarschplan. Als einziger Operationsplan blieb für den kommenden Krieg nur noch der Schlieffen-Plan übrig, der für den Fall eines Krieges mit Rußland zunächst die Niederwerfung Frankreichs und die Verletzung der belgischen Neutralität vorsah. Man behielt also einen Operationsplan bei, der schon nach drei Jahren unanwendbar werden mußte, wenn die russischen strategischen Eisenbahnen in Polen fertiggebaut waren und der mehrwöchige Vorsprung der deutschen Mobilmachung wettgemacht wurde. Dieser Umstand läßt nur einen Schluß zu: Der deutsche Generalstab hatte es auf einen Präventivkrieg in allernächster Zukunft angelegt.

Fischer verwendet viel Mühe auf den Nachweis, daß es sich gar nicht um einen Präventivkrieg gehandelt haben könne, weil doch niemand Deutschland überfallen wollte. Objektiv hat er recht, aber er verkennt die Zwangsvorstellung deutscher Generäle und Politiker, sie könnten von 1916 an ihre Politik des kalkulierten Kriegsrisikos nicht mehr weitertreiben, müßten folglich tatenlos dem Zerfall Österreich-Ungarns zusehen, eine Einbuße deutscher Macht hinnehmen.

Niemand hat bisher deutlicher herausgestellt als der Schweizer Historiker Gasser, daß die von Berlin und Wien beabsichtigte Vernichtung Serbiens die ganze weltpolitische. und strategische Machtverteilung im Nahen Osten auf den Kopf gestellt hätte. Deutschland hätte dann wirklich den "ersten Platz in der Welt" eingenommen. Gasser meint sogar, für den Fall eines diplomatischen Erfolges im Juli 1914 hätte Bethmann Hollweg den Drang der Militärs zum Präventivkrieg mäßigen, vielleicht sogar den Schlieffen-Plan revidieren können. "So kämpfte Bethmann Hollweg in seiner Art doch irgendwie für den ‚Frieden‘, in dem engen Bereich eines erpresserischen Vabanquespiels ..."

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Diese verschiedenen Interpretationen der deutschen Politik im Juli 1914 schränken den Aussagewert der Fischerschen These erheblich ein. Aber seine Bestandsaufnahme des Bündnisses von Macht und Kapital war nicht umsonst getan, wird doch die historische Forschung abermals gezwungen, anders als in den gewohnten Bahnen zu denken. die unbequeme Herausforderung aus Hamburg anzunehmen und dem näherzukommen, was sich immer wieder dem Zugriff der Wissenschaft entziehen will: der historischen Wahrheit.

Fischer steht unter seinen Kollegen auf einsamem Posten. Er ist ein Historiker, der sich keiner Machtideologie verpflichtet weiß. Macht scheint ihm zutiefst suspekt, suspekt wie alles, was deutsche Politiker, Militärs, Industrielle und Bankiers in den Jahren vor 1914 und danach maßlos und bedenkenlos erstrebt haben. Die geistigen Wurzeln des nationalsozialistischen Abenteuers reichen weit zurück. Fischer hat in seinem neuen Buch Wurzelwerk bloßgelegt. Wer die Geschichte dieses Jahrhunderts begreifen will, kommt nicht um Fischer herum, was immer man gegen seine Methode sagen mag. So wird denn Hallgarten mit seiner Prophezeiung recht behalten: "Wohl die meisten heute lebenden Historiker werden in hundert Jahren vergessen sein. Allein der Name Fritz Fischers wird sich kaum unter den Vergessenen befinden."