Von Willi Bongard

Mein Freund Henry, Vizepräsident eines der größten amerikanischen Brokerhäuser, ist wahrhaftig kein Pessimist. Sein hochbezahlter Job in der Wall Street zwingt ihn nachgerade dazu, die Welt durch eine rosarote Brille zu sehen, zumindest die Welt der Wirtschaft, der Börse, der Kurse. Henry hat etwas von einem Berufsoptimisten an sich. Vor fünf Jahren prophezeite er mir, daß die Traumgrenze des Dow Jones-Index von tausend Punkten binnen kurzem erreicht werde. "Wetten?"

Als ich ihn kürzlich in seinem Büro im 37. Stock der "Wall-40" wiedersah, da wollte er von seiner Wette nichts mehr wissen. Kein Wunder, der Dow Jones, das immer noch meist beachtete Börsenthermometer der Welt, war wieder einmal kräftig gefallen und näherte sich verdächtig der Grenze von 800. Zum ersten Male fand ich Henry nicht zu Scherzen aufgelegt, zum ersten Male ließ er den Kopf hängen und sprach von einem langen Marsch durch eine Baisse, der nun bevorstehe. Man müsse sich darauf gefaßt machen, daß der bottom, die unterste Widerstandsgrenze noch lange nicht erreicht sei.

Inzwischen hat sich die Talfahrt der Kursentwicklung an der New Yorker Stock Exchange noch weiter fortgesetzt. In der vergangenen Woche fiel der Dow Jones-Index dreißig führender amerikanischer Industrieaktien sogar vorübergehend unter die Achthunderter-Grenze und damit noch unter den bisherigen Jahrestiefststand, der Ende Juli mit 801,96 verzeichnet wurde.

In der Wall Street gehen die Meinungen auseinander, wie weit sich die Talfahrt noch fortsetzen wird, ehe die Haussiers wieder die Oberhand gewinnen. Seit Wochen und Monaten schon wird die New Yorker Börse von den Bären – (den Baissiers) – im Unterschied zu den Bullen (den Haussiers) – regiert.

Das Regiment der Bären stützt sich vor allem auf die Erwartung, daß der scharfe Anti-Inflationskurs der nächsten Regierung vorerst beibehalten wird, das insbesondere die Federal Reserve Bank ihre restriktive Politik fortsetzen wird und ein Ende des kostspieligen Vietnamkrieges immer noch nicht abzusehen ist.

Nur keine Krise