Koblenz

Die 500-Seelen-Gemeinde Weiler von den Rheinhöhen über Boppard verfaßte eine Resolution und drei Parolen: "In diktatorischen und kommunistischen Ländern mehr Freiheit als in Rheinland-Pfalz" – "Knebelung des Selbstverwaltungsrechtes" – "Richtig ist, was dem Forstmeister nützt". Seit Monaten schwelt ein Streit zwischen dem Weiler Gemeinderat und dem Bopparder Forstamt. Der Streit drang in die Ohren der Bezirksregierung in Koblenz, und nicht genug damit, seit wenigen Wochen sind alle Volksvertreter des Mainzer Landtags von dem Ungeheuerlichen unterrichtet – der Streit um den Wald von Weiler wuchert und wuchert.

Am Anfang stand ein Problem aus dem Alltag vieler Gemeinden: Den großen Aufgaben der Kommune, die aus den beiden Ortsteilen Weiler und Fleckertshöhe besteht, standen nur kleine Einnahmen gegenüber. An Grund- und Gewerbesteuern fließen jährlich ganze 20 000 Mark in die Dorfkasse, doch da war ja auch noch der Wald. Zunächst vorsichtig, später aber mutiger, beantragten die Gemeindevertreter beim Bopparder Forstamt "Sonderhiebe", die über die im Forstbetriebswerk festgesetzte Zahl von Festmetern Holz weit hinausging. Das Forstamt sagte zu Anfang ja, später kategorisch nein. Heute gesteht Bürgermeister Krambrich, der seit Tagen seines Amtes enthoben ist: "Wir hatten das Geld aus dem Sonderhieb – leichtsinnigerweise, das gebe ich zu – schon eingeplant."

Was die Männer von Weiler in den letzten zehn Jahren aus dem Nichts heraus planten und bauten, das waren keine leichtfertig verwirklichten Projekte. 1960: Eine zweiklassige Volksschule (220 000 Mark). Sie steht allerdings seit einiger Zeit halb leer, weil im benachbarten Bad Salzig eine Mittelpunktschule entsteht. Weiler leistet hinhaltenden Widerstand: Es bleibt jährlich die 3000 Mark anteiliger Schulkosten hartnäckig schuldig.

Im 300 Meter über Weiler gelegenen Fleckertshöhe entstand im gleichen Jahr eine Wasserleitung für 130 000 Mark; zwei Jahre später folgte die Kanalisation (150 000 Mark); 1963 verschlang die Ortsstraße von Fleckertshöhe 140 000 Mark; Ende des vergangenen Jahres erhielt der größere Gemeindeteil neue Wasserleitungen (350 000 Mark); parallel hierzu entstand eine moderne Kanalisation (700 000 Mark); 250 000 Mark kostete die Erschließung des neuen Ortsteils "Im Bungart"; die Ortsstraße in Weiler schlug mit 350 000 Mark zu Buch. Kritiker dieser fröhlichen Ausgabenpolitik erhitzen sich besonders an einem Projekt, das bei weitem nicht das kostspieligste war: Am Bau des Sportplatzes für 60 000 Mark.

Trotz Beihilfen des Landes zwischen 50 und 70 Prozent, trotz Waldverkaufs, der 300 000 Mark einbrachte, stieg die Verschuldung des Dorfes auf rund eine Million Mark. Das sind 2000 Mark pro Kopf der Bevölkerung.

In dieser Situation geschah das, was der Bopparder Oberforstmeister Adalbert Blank so kommentiert: "Ich wüßte nicht, wann so etwas schon einmal vorgekommen ist." Die Volksvertreter von Weiler entschlossen sich einstimmig für einen Sonderhieb von 8000 Festmeter (Krambrich: "Der sollte uns 500 000 Mark einbringen"), obwohl sie das Nein der Forstverwaltung schon in der Tasche hatten.