Luciano Berio: "Laborintus II"; Ensemble Musique Vivante, Choräle Expérimentale, Leitung: Luciano Berio/Diego Masson; harmonia mundi 30 889, 25,– DM

Er will nicht "Musik als Anwendung eines Systems schaffen, sondern gelegentlich ein System als Möglichkeit für die Musik". Pragmatismus also. Und an einer anderen Stelle sagt Berio: "Auf die Erweiterung der musikalischen Mittel – im umfassendsten Sinne, verstanden – gründet sich allein die Chance einer Erneuerung der Musik von heute." In den Kompositionen der letzten zehn Jahre sucht Berio immer wieder nach neuen Wegen einer musikalischen Verarbeitung von Sprache: nicht ein am Text entlang laufendes Vertonen, sondern eine Klangkomposition nach semantischen und phonetischen Prinzipien. In "Laborintus II", 1963/65 zum 700. Geburtstag Dantes komponiert, verquickt Berio Fragmente aus "Vita Nuova", "Convivio" und "Divina Commedia" mit klang-analogen Texten, aus der Bibel, von Eliot, Pound und Sanguineti und verarbeitet diese Kombination mit natürlichen, instrumentalen und elektronischen Mitteln: Sprecher, drei Solisten, Chor, siebzehn Instrumente, Tonband; punktuelle Töne und Geräusche, lyrische Belcanto-Linien von außerordentlicher Schönheit, herbe Akkordketten, penetrante Laute, Schreie, Jazz, Flüstern, Lachen – totale Musik. Das so entstandene Werk hat nichts zu tun mit einem Oratorium oder dergleichen, könnte eine "Klangerzählung" genannt werden, den Zusammenhang muß man sich durch mehrmaliges Prüfen erhören. Keine Platte für einen bequemen Feierabend, aber ein wichtiges Beispiel für die heute aktuellen Tendenzen, Wort und Ton in neue Zusammenhänge zu bringen. Das Stück kann auch szenisch aufgeführt werden, als Allegorie oder als Tanz: eine Platte also auch für Opern-Intendanten und Besucher, die vorerst nur bis Henze, Klebe oder gar nur Carl Orff gekommen sind.

Heinz Josef Herbort