Von Hans Gresmann

Auf dem Standesbanner aller Chinabeobachter prangt als Signum ein Fragezeichen. Selbst die Witze, die kolportiert werden, sind nicht verbürgt. Wie etwa dieser:

In China herrscht Mangel an vielerlei Gebrauchsgegenständen, so auch an Uhren. Es gibt nur ein Modell, das heißt "Schanghai" und kostet rund 160 Mark (das Spitzengehalt eines Industriearbeiters liegt bei etwas über 200 Mark im Monat). Wer eine solche Uhr ergattert hat, darf aber noch lange nicht sicher sein, daß sie auch funktioniert. Und deshalb geht bei den Chinesen das Wort um: "Die ‚Schanghai‘ läuft nur, weil Mao es ihr befohlen hat. Wenn Mao stirbt, werden in China alle ‚Schanghai’-Uhren stillstehen."

Ein Witz als Spiegel der Wirklichkeit? Chinas Uhren folgen Maos Diktat, wie überhaupt – wenn man den offiziellen Verlautbarungen Glauben schenken soll – jede Lebensregung dieses 75 O-Millionen-Volkes unter dem ideologischen Gesetz des großen Wundermeisters, des inspirierten Generalvollstreckers kommunistischer Glaubenslehre steht. Wäre dem so, dann gäbe es in der Tat keine Möglichkeit, chinesische Politik, sei sie nach außen oder nach innen gerichtet, rational zu erfassen. Vor der kompletten Unberechenbarkeit müßte jeder Versuch einer nüchternen Analyse die Segel streichen.

Ist dem aber wirklich so? Nur dann, wenn man die Pekinger Propagandatiraden, die sich alle um Maos These von der Lebenskraft und Unbezwingbarkeit der permanenten Revolution ranken, für bare Münze nimmt. Überhört man das Geschrei und richtet das Augenmerk auf die außenpolitischen Aktionen der chinesischen Führung, dann fällt es nicht schwer, darin sowohl Kontinuität als auch abwägende Vernunft zu erkennen.

Außenpolitik ist für Peking gegenwärtig (und gewiß auch für die absehbare Zukunft) Politik gegenüber der Sowjetunion. Anfang dieses Monats wurde die Welt durch die Meldung verblüfft, daß China angeblich zum Einlenken gegenüber dem kommunistischen Rivalen bereit sei. Für die Nachgiebigkeit der Regierung in Peking sprach das Indiz, daß sie die Kunde von bevorstehenden sowjetisch-chinesischen Verhandlungen über Grenzfragen hinausposaunte, während sich die Sowjets auch nur mit einer Bestätigung überaus zurückhaltend gaben.

Sieht man genauer hin, dann bleibt an diesem Vorgang nur eines überraschend: die chinesische Eile. Denn daß Peking in der Grenzfrage verhandlungsbereit ist, hat sich schon vor einem halben Jahr gezeigt. Nach dem Austausch wilder gegenseitiger Beschuldigungen, die sich an die Zwischenfälle am Ussuri anschlössen, stimmte Peking grundsätzlich der Wiederaufnahme der 1964 abgebrochenen Grenzverhandlungen zu. Vom 18. Juni bis zum 4. August fanden auf unterer Ebene tatsächlich Verhandlungen über die Schiffahrt auf den Grenzflüssen statt – mit Erfolg.