Diese jüngste Entwicklung ist hier und da als ein Machtzuwachs des kalten Routiniers Tschu En-lai interpretiert worden. Das mag richtig sein – aber in Grenzen. Tschu En-lai ist gewiß einer der geschicktesten, weil überlebensfähigsten Politiker, ein blendender Organisator und exzellenter Verwaltungsmann, dazu ausgestattet mit großen außenpolitischen, Kenntnissen. Aber noch ist das Ende der ideologischen Herrschaft in China nicht abzusehen. So kündigt Tschu En-lais aufs neue gewachsener Einfluß viel weniger einen Machtwechsel an, als daß er die Rückkehr von einer überschäumenden verbalen Aggression zur chinesischen Gewitztheit, zu kalkulierender Defensive markiert.

Tschu En-lai und seine Diplomaten haben in jüngster Zeit ihre Fühler auch nach Washington ausgestreckt. So treibt die Angst vor den Sowjets erstaunliche Blüten – aber es sind politische Kunstemblemen. Peking will die Frist überbrücken, in der Moskau, das neuerdings in glaubhafter Drohung knurrend die Zähne gezeigt hat, in seinem Machtpotential turmhoch überlegen ist – eine vielleicht sehr lange Frist.

Gerade weil Pekings Außenpolitik derzeit nicht mehr geprägt ist von der Attitüde des blindlings um sich schlagenden ideologischen Monomanen, weil sie in ihren Zielen überschaubar geworden ist, läßt sich mit um so größerer Gewißheit sagen: Hier handelt es sich schwerlich um einen tiefgreifenden Wandel, sondern viel eher um einen taktischen Winkelzug.

In seiner neuesten Erklärung zum Grenzkonflikt läßt Peking selber auch gar keinen Zweifel daran, daß es "unüberwindliche Grundsatzdifferenzen" zwischen China und der UdSSR gebe. Und daß der Kampf um die Grundsätze zwischen ihnen "noch lange Zeit dauern" werde. Heute ginge es allein darum, einen vernünftigen Status quo auszuhandeln.

China ist weit davon entfernt, gegenüber der Sowjetunion klein beizugeben. Es wartet auf seine künftige Stärke, und das heißt: auf eine nukleare Stärke, die sich gegenüber dem Nachbarn ausspielen läßt. Mao (und wer immer ihm folgen mag) muß auf Zeit spielen. Pekings Politik ist nicht mehr unberechenbar – sie ist nur allzu berechenbar. Der Kreml, und er vor allem, hat darauf zu sehen, daß die Rechnung auch für ihn aufgeht. So wird, mögen es ihm die Chinesen durch ihr "Einlenken" auch schwerer gemacht haben, der harte Flügel in Moskau gewiß auch in Zukunft dafür plädieren, den asiatischen Bambusknoten mit dem Schwert zu durchschlagen.