Von Rino Sanders

Noch heute, so heißt es in Pietrasanta, findet man hin und wieder in den marmornen Schroffen der weißkristallinen Apuanischen Alpen ein eingemeißeltes "M". "Michelangelo war hier": Wände, die er auf seinen Streifzügen in den Höhenlagen des Gebirges für den Abbau ausgewählt hatte. Aber er fand keine Arbeiter, die die Blöcke aus dieser Höhe hätten herabschaffen können. So mußte er sich mit tieferen Lagen begnügen, dem schneeigen Stein des Monte Altissimo. Über Seravezza und Querceta am Fuß der Vorberge organisierte er den Transport zum Meer: luftliniengerade Allee durch die sandige Pinienebene zum Strand. Es entstand Forte dei Marmi.

Um die Sache in Schwung zu bringen, ließ er sich aus Florenz den Donato Benti als Helfer kommen, einen rührigen Mann, der nach Michelangelos Abreise bald auf eigene Faust schaltete und im übrigen dafür sorgte, daß der Name Benti heute in den Bergtälern der Gegend recht verbreitet ist.

Dazu wäre es nicht gekommen, hätte Michelangelo sich der bereits funktionierenden Carraresischen Marmorbrüche bedienen können. Sein Brotherr, Giovanni de Medici, Papst Leo X., lag aber mit dem Geschlecht der Malaspina, dem Massa und Carrara gehörte, in Fehde. Florenz reichte bis Pietrasanta samt seinen Bergen, und hier lebte Michelangelo zwischen 1518 und 1521. Als die Leute von Massa hörten, er sei Florentiner, weigerten sie sich, seine Blöcke zu bewegen.

Nun, die beiden 14.-Jahrhundert-Kirchen des rechteckigen, in de-Chirico-hafter Flucht zu den Olivenhügeln ansteigenden und offenen Domplatzes von Pietrasanta tragen schon ein gut gearbeitetes Marmorkleid, und das Gewölbe der Kathedrale wird von mächtigen Monolithsäulen aus zungenwurstfarbenem Marmor getragen; aber ein Marmorzentrum wurde der Ort erst seit der Zeit Michelangelos und seines provinziellen Kollegen, des einheimischen Bildhauerarchitekten Stagio Stagi.

Seine Gründung, 1255, verdankt er den genealogischen Wechselfällen, die in jenen Zeiten so vieles bewirkten. Der Mailänder Adlige Guiscardo Pietrasanta, der zugleich Podesta von Lucca war, baute es im hier sonst fremden lombardischen Grundriß; er wollte die Via Aurelia, die Nord-Süd-Verbindung, und das nahe Meer unter seiner Kontrolle haben. Bemannt wurde der Ort mit Bevölkerung aus den Bergdörfern, deren Behausungen kurzerhand zerstört wurden, um die Leute an Rückkehr zu desinteressieren. An die Festungszeit erinnert noch die in der Tiefe der Domplatzperspektive wie die Zahnstange einer überdimensionalen Bergbahn diagonal ansteigende Mauer.

Den Domplatz ziert außer der Säule mit Marzocco, dem florentinischen Leuen, ein klassizistisches Monument, das nicht nur dem Dargestellten, sondern auch der Toleranz der Einwohner ein Denkmal setzt. Es zeigt Österreichs Großherzog Leopold II., einen kunstliebenden Mann, der bei den Leuten gelitten war und zudem selbst ging, als die revolutionären 1848er Zeiten die genealogischen ablösten. Sein Bildhauer, Vincenzo Santini, fiel beim Bau des Denkmals vom Gerüst und verlor, 35jährig, ein Bein. So wurde ihm aufgetragen, eine Bildhauerschule zu schaffen. Sie wurde nach Stagio Stagi benannt und ist nun über hundert Jahre alt. Sie bildete Generationen Einheimischer zu höchster Kunstfertigkeit auf allen Gebieten gehobener Marmorbearbeitung heran und impfte ihnen auch Geschmack und Stilbewußtsein des Gründers und seiner Vorbilder ein: klassisch, klassizistisch, neoklassizistisch. "Die Reinheit der hellenischen Linie."