Dr. Frank N. Stein (nicht der einzige Kalauer in diesem Buch), Agitator auf dem frustrierenden Langen Marsch, "rückt die Tatsache so ins schiefe Licht, daß Schatten deutlich erkennbar sind" – und das ist (unter anderem) wohl auch die Absicht von

Wolfgang Körner: "Nowack"; Karl Rauch Verlag, Düsseldorf; 208 S., Ln. 18,– DM, brosch. 10,– DM.

Der Autor (fernsehverfilmt und förderpreisversehen) empfindet Unbehagen an heutigen und hiesigen Zuständen und versucht, dieses dem Leser literarisch-schmackhaft mitzuteilen. Dazu bedient er sich der Fabel vom "freien und angewandten" Photographen Nowack, der glaubt, sich "die Art seiner jeweiligen Unfreiheit aussuchen" zu können, weil er nach der Devise "Immer schön draußen bleiben" jegliche Bindung scheut,

Nowack schlägt sich durchs Revier, mit Minox, Leica, Hasselblad oder Praktica je nach Zufall, Laune und Nachfrage, Unfälle, Bergarbeiterdemonstrationen, Richtfeste oder Pornographie aufnehmend und nebenbei mit den Unausgefülltheiten des Schreibmaschinenmädchens Beate und der (verheirateten) "Sechszwölfteljungfrau" beschäftigt (immerhin liegt dem Band ein Jugendschutzrevers bei); dazu macht er sich, als Außenstehender und professioneller Beobachter, seine (oder des Autors) Gedanken über Ausbeutung, Entfremdung, Manipulation, Leistungsgesellschaft, Verdummung, kurz: die "Verhältnisse".

Und um deren Mißlichkeit augenfälliger zu machen, läßt Körner nicht nur vielerlei Schlimmes passieren (einen Gattenmord mittels Nagelfeile, Lynchjustiz an einem Taxifahrer, die Erschießung eines Drogenhändlers beispielsweise), sondern nimmt sich auch fortgesetzt die literarische Freiheit, die Wirklichkeit ins Surrealistisch-Groteske zu überspitzen, um sie so zur Kenntlichkeit zu verzerren.

Beobachtung, Reflexion, phantastische Hyperbei und Alptraum, Witzelei, Sprachschutt, Anspielung und Zitat ergänzen sich teils, teils nivellieren sie einander, und die Verquickung von Realität und Fiktion legt ein Mißverständnis der aktuell gemeinten Gesellschaftskritik als dichterische Übertreibung nahe.

Nowack entzieht sich schließlich endgültig in die "farbige Welt" eines absoluten Trips oder möglicherweise nur nach Mazedonien und läßt den Leser mit dem Unbehagen allein.

Rainer Zimmer