Von Jürgen Claus

Die einen vermuten eine "Weißwurst-Olympiade", die anderen eine "Kunscht-Olympiade". Da glaubt man schnell an böse Zungen, die – vielleicht aus dem fernen Preußen herüber – der Olympiade in München übel wollen. Von Kuns(ch)t ist immer viel die Rede, wenn es um München 1972 geht. Von Kunst war schon die Rede, als man die Olympischen Spiele in Rom für München gewann. In Abständen werden wir darüber informiert, was die Kultur-Prominenz von Karajan bis Gunter Sachs dazutun wird, um 1972 den Kultur-Olymp zu schaffen. Überprüfen läßt sich davon noch nichts, es wird auch nichts öffentlich diskutiert, die Ankündigungen haben offenbar mehr die Aufgabe, das Kultur-Image über die Jahre hinweg hochzuhalten.

Ein erster Schritt läßt sich nun überprüfen an Hand der Plakate oder vielmehr "Kunstplakate", die, sieben an der Zahl, letzte Woche in München vorgestellt wurden (in den Ausstellungsräumen der automag am Wittelsbacherplatz). Mitte letzten Jahres gründeten das Olympische Organisationskomitee und der Bruckmann Verlag die Edition Olympia 1972, geplant sind Graphiken von etwa 25 Künstlern, die einerseits als "Original-Graphik" in einer Auflage von 200 Stück, andererseits als sogenannter Fortdruck von mindestens 1000 unsignierten Abzügen als "Original-Plakate" auf den Markt kommen. (Den Vertrieb hat die Galerie van de Loo in München übernommen.) Die Preise liegen bei den ersten sieben Blättern zwischen 340 und 800 Mark für die "Original-Graphik", zwischen 30 und 65 Mark für das "Original-Plakat".

Die Blätter sollen für die Spiele von 1972 in München "weltweit werben". Werden sie das tun? Die Zwischenbilanz nach Besichtigung der ersten sieben ist deprimierend. Der Kunstmarkt ist heute überschwemmt mit Graphiken. Es geht also nicht darum, diese Schwemme mit weiteren sichtbar und flott auf der Poster-Welle mitschwimmenden Blättern zu vermehren.

Vergebens sucht man unter den vorgelegten Blättern nach einer spezifischen, thematisch oder formal eigenen Lösung. Diese Blätter haben keine Überzeugungskraft, wenn überhaupt, dann werben sie für das persönliche stilistische Impressum, die Handschrift des Künstlers, die sie bestätigen (nämlich: Hans Hartung, Fritz Winter, Marino Marini, Ssergej Poliakoff, Charles Lapique, Jan Lenica, Oskar Kokoschka). Für die Olympischen Spiele fällt dabei nichts ab.

Diese über alle Maßen durchschnittlichen Blätter belegen ein doppeltes: das fehlende Konzept bei den für die Auswahl Verantwortlichen und den fehlenden Willen der Künstler, die besondere Zielrichtung zu begreifen. Willi Daume, der Chef des Olympischen Komitees, sprach bei der Eröffnung von "künstlerischen Assoziationen plakativer Wirkung" – genauso unverbindlich sehen die Blätter aus. (Man vergleiche daneben die Plakattradition von Toulouse-Lautrec bis zu den heutigen Japanern oder Almir Mavignier.) Reiner Hohn ist überdies die Begründung, die der Verlagsleiter Erhardt Stiebner vom Bruckmann Verlag in der Münchner Abendzeitung dazu gab: "Unsere protestierenden, stürmischen jungen Menschen werden so an die Werte der heutigen modernen Kunst herangeführt und, gleichsam durch die Hintertüre der Kommunikationsmittel, mit qualitätsvoller Originalgraphik konfrontiert."

Die erste Probe aufs Exempel einer Kunst-Olympiade könnte, wie ich meine, nicht mißlungener sein. Und durch diese Hintertüre ist die "protestierende" Jugend bestimmt nicht zu gewinnen, sie erhält nur neue Argumente, gegen den Kultur-Apparat. Ein paar durchschnittliche "Kunstplakate" wären nicht der Erwähnung wert, wenn sie nicht Symptome lieferten, wie man sich in der "Weltstadt der Plagiate" (Johanna Schmidt-Grohe) an eine Synthese von Kunst und Olympischen Spielen macht:

Die Münchner "Kunstplakate" sind als Kunst im heutigen graphischen Angebot Durchschnittsware und als Plakate ohne Information.