Mit einem jetzt auch in englischer Übersetzung erschienenen Buch über den sowjetischen Wunderbiologen Trofim Lyssenko liegt zum erstenmal ein zusammenfassender Bericht über die Thesen und die bauernschlauen Winkelzüge jenes Mannes vor, der die sowjetische Biologie jahrelang an der Nase herumgeführt hat. Verfasser des Werkes "The Rise and Fall of T. D. Lyssenko" ist der russische Wissenschaftler Zhores A. Medwedew. Sein ursprüngliches Manuskript durfte unter Stalin und Chrutschschow nicht gedruckt werden; jetzt wird es zum Dokument einer einigermaßen peinlichen Epoche russischer Naturwissenschaft.

Im Gegensatz zu fast allen ernsthaften Biologen vertrat Lyssenko die Ansicht, daß erworbene Eigenschaften erblich seien. Das Reh, meinte er, habe nur deshalb so feine Ohren, weil es immer auf der Hut vor seinen Feinden sein müsse. Der heute prinzipiell überholten Lehre des Franzosen Lamarck gegen Ende des 18. Jahrhunderts gemäß sollten sich, so fand Lyssenko, auch die Erbeigenschaften der Nutzpflanzen ummodeln lassen. "Die Vererbung", erklärte Lyssenko nebulös, "ist sozusagen ein Auszug aus den äußeren Umweltbedingungen, die vom Pflanzenorganismus in einer Reihe vorhergegangener Generationen assimiliert worden sind." Und da nach seiner Meinung Umwelt und Organismus eine Einheit bildeten, habe der Mensch die Mittel in der Hand, erbliche Veränderungen der Organismen durch entsprechende Eingriffe in die Umwelt herbeizuführen.

Solche Töne waren natürlich Musik in den Ohren der damaligen sowjetischen Politiker, konnten sie doch vermuten, daß auch die menschlichen Erbanlagen auf einfache Weise beeinflußbar seien und sich gar kommunistisches Denken. und Handeln eines Tages als "erbfest" erweisen würden. So stieg Lyssenko, einst kleiner Angestellten eines Versuchsgutes in Kiew, zum Hofbiologen Stalins auf. Er wurde mit Orden und Ehrenzeichen überschüttet, darunter allein drei Stalinpreisen und sechs Leninorden. Er bekam jede erdenkliche Unterstützung für seine Arbeit und Lehre, die auch die sonderbare Behauptung enthielt, eine pflanzliche Eizelle wähle sich nach der Bestäubung ein bestimmtes Pollenkorn für die Befruchtung aus, ein Vorgang, den man "Liebesheirat" nennen könne.

Kaum jemand in der Sowjetunion hatte Lyssenko damals zu widersprechen gewagt. Unter Stalin galt er als Diktator der Sowjetbiologie. Im Jahre 1938 übernahm er die Präsidentschaft der Landwirtschaftlichen Akademie und trat damit die Nachfolge des bis dahin führenden Sowjetbiologen Professor Wawilow an, der in die Verbannung mußte. Im Rahmen eines "Stalin-Planes zur Umgestaltung der Natur" entwarf Lyssenko aufwendige Pläne zur Aufforstung oder Steppengebiete, zur genetischen Verwandlung von Kiefern in Rottannen, von Weizen in Reis und zur Akklimatisation von Obstbäumen, Pflanzen, die sich in den eisigen Tundrazonen Sibiriens als kältehart erweisen sollten. Obwohl diese Projekte weitgehend fehlschlugen und seinem wissenschaftlichen Ruf schadeten, verstand es Lyssenko, seinen Einfluß zu erweitern und seine Widersacher immer wieder zu überspielen.

Seine Diktatur ging erst zu Ende, als Stalin starb. Angesichts der mangelnden praktischen Erfolge seiner Thesen mehrten sich jetzt die Vorwürfe gegen ihn. Sachlich denkende Forscher standen auf, die es wenig überzeugend fanden, wenn er einen Dünger aus Torf und grobem Kalk als allein zweckvolle Maßnahme zur Steigerung der Bodenfruchtbarkeit empfahl oder wenn er den Wolgabauern riet, sie sollten ihre Saatkartoffeln in vier Teile schneiden, um mehr Kartoffeln zu ernten.

Den schwersten Schock erlitten Lyssenkos Thesen durch die Ergebnisse der modernen Molekulargenetik, die unzweideutig zeigten, daß Erbänderungen oder Mutationen nur auf dem Wege über stoffliche Veränderungen der genetischen Informationsträger, der DNS-Moleküle in den Zellkernen, zustande kommen können. Diese Mutationen kann man nicht gezielt veranlassen oder durch äußere "Erziehungsmaßnahmen" am Organismus erzwingen, sie erfolgen zufällig.

Der Mann, der einst einen einzigen Pflanzenversuch für ausreichend hielt, um eine unhaltbare Lehre darauf zu bauen, mußte Anfang 1962 endgültig dem weniger doktrinären Tierbiologen Kuschner Platz machen, von dem man sich hoffentlich nicht einst Geschichten wie jene wird erzählen lassen müssen, die über Lyssenko im Umlauf waren:

Zu der Zeit, da Lyssenko noch in Amt und Würden stand, so heißt es, sei einmal eine Abordnung russischer Bauern zu ihm gekommen, um auf seinen Feldern die Ergebnisse seiner Züchtungsversuche zu besichtigen. Nur einer der Bauern kehrte jedoch nach diesem Besuch wieder in sein Heimatdorf zurück. Dort erzählte er, er habe auf Lyssenkos verschneiten Feldern Erdbeeren gesehen, die so groß wie Kürbisse waren. Die Dorfbewohner fragten ihn daraufhin ungläubig, ob denn auch die anderen Bauern diese Erdbeeren gesehen hätten. "Nein", antwortete der Bauer verschmitzt, "die haben die Erdbeeren nicht gesehen. Darum sind sie ja auch nicht wieder nach Hause gekommen." Theo Löbsack