Mir keine Milch. Sie werden sich erkälten. Nie im Leben. Wir saßen an Deck. Ich blies den Rauch von mir. Türen schlugen. Die Senne schien. Der Abend brach herein. Ein Faden riß. Darf ich Ihnen nachgießen. Ein Arbeiter kam vorbei. Die Hose flatterte? Ich küßte ihm die Hand. Ich wischte mir das Blut von den Lippen. Wie spät ist es? Das ist doch unglaublich. Am Fabriktor Gestalten. Keine Möwe weit und breit. Der Briefträger stieg vom Rad. Meine Mutter war schon weg. Ich habe ihn kaum gekannt. Allmählich kam mir das komisch vor. Ich rutschte aus. Die Uhren tickten immer lauter. Ich nahm noch ein Stück. Meine Tante putzte auswärts. Ich beruhigte das Kleine. Die Kette klirrte. Noch fand ich es interessant. Die Vorhänge hingen ... Der Polizist konnte einem richtig leid tun. Es war wie im Sommer 1937. Die Frauen trugen Hosen, die unten weit wurden. Ich war sehr gespannt. Es war natürlich quälend. Man lebte so richtig auf. überall die Wäsche. Es roch nach. Aber genau das sollte geändert werden. Alle setzten sich ein. Ich fragte mich. Ich sagte, es zieht. Ich konnte mich nicht verständlich machen. Ich sah den Ruderern zu. Ich trainierte heimlich. Wir waren arm. Wir hatten alles, was wir brauchten. Ich fraß mich voll. Ich ließ mir die Mandeln herausnehmen. Jetzt, dachte ich. Wir entfernten uns vom Ufer. Rasch. Das Land. Im Dunst blieb das Ich kriegte keine Luft mehr. Ich hatte das Gefühl. Der Nachbar war beim Roten Kreuz. Das Wasser war völlig ruhig. Das Schiff machte einen guten Eindruck. Wir wählten den Sonntagmorgen. Die Dunkelheit brach schnell herein. Ich konzentrierte mich. Nur Mut. Mein Zimmer lag nach Osten zu. Natürlich wurde man auch gewarnt. Wenn man sich längere Zeit auf einem Schiff befindet, gewöhnt man sich an solche Warnungen. Das Wasser hat keine Balken. Trotzdem rauchte ich nicht mehr. Ich rauchte eine Zigarette nach der anderen. Die SPD-Baracke schwitzte. Mein Freund erbrach sich in den eigenen Hut. Es war zum Kotzen. Das Konzert hatte schon begonnen. Wenn wir untergehen sollten, wäre ich für einen raschen Untergang, nicht wahr. Diese paar Minuten wird man sich doch beherrschen können. Der größte Schwindel war, daß man schwimmen gelernt hatte. Aber so ist es im Leben. Man lernt eine Menge Unbrauchbares. Das ist das Schöne. Wie man sich rasch und schmerzlos erhängt, lernt man nicht. Man lernt eben immer das Falsche. Das Telephon klingelte. Ich rannte. Ich komme zu spät, mein Herz. Langsam ging ich in die Küche zurück und trocknete weiter Geschirr ab. Ich faßte jeden Teller gleich mit dem Tuch an, mit dem ich ihn dann trocknete. Ich rieb jeden Teller trocken, bis er glänzte. Den Boden hatte ich geputzt, Herd und Anrichte hatte ich geputzt, wenn jetzt alle Teller und das Besteck und die Töpfe trocken glänzten, stünde ich noch in der Küche und dächte, ob ich heute noch auf den Kurfürstendamm gehen sollte, um Bismarck Ausreiten zu sehen. Ich fürchtete mich ein bißchen. Die Klingeln waren zu schrill. Auch der Kaiser. Der Wind fuhr oft so jäh in die Straße. Das gelbe Kastanienlaub gehörte einem Herrn George, der daraus Gedichte machte. Manche Weingutssöhne gingen aber auch zum Film. Ich hatte das Gefühl, ich sei Anfang des Jahrhunderts geboren und stünde seitdem in der vollkommen aufgeräumten Küche eines bürgerlichen Hauses in Berlin-Charlottenburg. Wahrscheinlich war ich schon tiefer gesunken als ich ahnte. Ich war schon von dem alten Forscherehrgeiz befallen. Ich wollte den Untergang überliefern. Das Kajütbuch, der Glaube an das Überleben des Kajütbuchs. Daß ich untergehen würde, akzeptierte ich von Minute zu Minute mehr. Aber aus irgendwelchen Märchen oder Mathematikstunden hatte ich das Gefühl, daß das Kajütbuch gefunden werden müsse. Mir war, als hätte man darauf einen Anspruch. Das war das Schöne an der alten Welt. Dieser Unterschied zwischen Mannundmaus einerseits und dem Kajütbuch andererseits. Durch eine nervöse Schwimmbewegung schaufelte ich eine Biene, die noch auf der MARTIN WALSER, der 1927 in Wasserburg am Bodensee geborene Romancier, Dramatiker, Erzähler, Essayist, Herausgeber und Entdecker von literarisch ungetrübter Wirklichkeitsprosa, politische Schriftsteller und Leiter des Theaterverlages bei Suhrkamp, zeigt sich in dem hier abgedruckten Prosastück von einer neuen, anderen Seite. Nach seinen großen Erfolgen als Dramatiker – seine "Zimmerschlacht" war eines der meistgespielten Stücke der vergangenen Spielzeit, "Eiche und Angora", 1962 geschrieben, erlebte in Paris eine glänzende späte Rehabilitierung –, neben seinen vieldiskutierten Romanen ("Ehen in Philippsburg", "Halbzeit", "Das Einhorn"), die immer auch die Entwicklung der westdeutschen Gesellschaft episch zu fixieren suchten, hat sich Walser in den letzten Jahren vor allem auch der Dokumentar-Literatur gewidmet: Sein Einsatz für und Einfluß auf Erika Runge oder Günter Wallraff sind unübersehbar. Der politische Schriftsteller Walser engagierte sich vor allem gegen den amerikanischen Kolonialkrieg in Vietnam. Im Wahlkampf unterstützte Walser die ADF. Sein schriftstellerisches Programm läßt sich am ehesten mit Sätzen aus seinem Essay "Erfahrungen" belegen: "Der Schreiber kümmert sich endlich ganz um sich selbst, und wenn er sich aus dem Sattel gehoben hat, stellt sich heraus, daß er alle mitriß, die im Sattel saßen. Das ist sicher eine Utopie. Aber vielleicht nützt es, an ihrer Realisierung zu scheitern." Eine neue Facette in Walsers Bemühen um einen neuen, bewußtseinsaufhellenden Realismus stellt das Prosastück "Erlebnis" dar.

Oberfläche schwamm, tief ins Grüne hinab. Es ist schon verrückt, wozu man. Ich kniete. Ich steckte ein Glasröhrchen in den Mund. Ich tastete mich auf dem dunklen Friedhof weiter. Ich begrüßte Anverwandte. Ich steckte den Kopf so tief als möglich in den rauschenden Efeu. Ich trat leise in die Maiandacht. Blieb beim heiligen Antonius stehen. Mein Gott, war das schön. Diese geschnitzte Handbewegung. So ein zarter Zeigefinger. Ich beschloß, das Ende der Andacht abzuwarten, dann dem Antonius seinen Zeigefinger abzubrechen. Ich konnte ihn, seiner Geborgenheit wegen, brauchen, um in meinen Ohren zu kratzen. Ich tat das so ungern mit meinen eigenen Fingern. Ach die Musik. Die lenkte einen doch immer wieder ab. Und die blaue Bläue. Tropfen. Von Ewigkeit zu Ewigkeit. Die großen Zehen erinnerten sich ihrer Bewegungsmöglichkeit. Eine Ameise. Wer hatte mich festgebunden. Scheiße so was. Meine Notdurft. Ich konnte das ja nicht ewig zurückhalten. Also laufen lassen. Es war eine Erlösung. Aber dann. Tatsächlich interessierte es mich nicht, wessen Gefangener ich war. So war ich. Ich litt mehr unter der Tatsache, daß ich festgebunden war und mir alles in die Hose ging. Irgendwann hörte das natürlich auf. Und dann trocknete alles. Und noch nicht mehr. Zerbröselte. Ich wurde ja immer trockener. Also wartete ich 60, 70 Stunden, höchstens 130, dann. Ich ließ den Kopf hängen. Ich wollte doch keine Vögel mehr sehen. Überhaupt nichts Unanständiges. Nur noch Ameisen. Und jene viel zu groß geratenen erbarmungswürdigen Riesenschnaken, die man bei uns Schneider, in England aber Daddy Longleg nannte. Wie ich wußte. Vielmehr: gehört hatte. Von Mr. K. S. Parkes. Für ein Butterbrot. Den Teller hatte ich nicht gespült. Ich dachte, nach einem Butterbrot genüge es, den Teller mit einem Tuch abzuwischen. Jetzt schaute ich von einem Teller zum anderen und versuchte festzustellen, welcher Teller das sei. Ich bereute schon. Ich hatte Angst. Ich hatte einen Teller nicht gespült. Das tat man nicht. Man spülte jeden Teller, der gebraucht worden war. Von dem man oder jemand etwas gegessen hatte. Ja, es war schon richtig: der gebraucht worden war. Ich kniete nieder und bat um Verzeihung. Ich betete zum heiligen Antonius, daß er mir den Teller zeige, den ich nicht gespült hatte. Aber siedend heiß fiel mir ein, also mir wurde siedend heiß, also mir wurde auf jeden Fall ganz heiß, als mir einfiel, daß der heilige Antonius nur zuständig war für das Wiederfinden von Verlorenem. Mir wurde noch heißer, weil mir klar wurde, daß für diesen Tellerfall kein Heiliger vorgesehen war. Ich war allein. Zum ersten Mal? Wahrscheinlich. Ich konnte mich nicht erinnern, je so Angst gehabt zu haben. Es würde wirklich einfacher gewesen sein, diesen Scheißteller zu spülen. Aber so ist das Leben. Das ist das Schöne. Ich wußte, woher dieses Ächzen kam. Von einem Kinderdreirad, das seit Weihnachten nicht mehr geschmiert worden war. Ein hohes Kreischen und Ächzen. Es bewegte sich durch die Räume. Das allein hätte schon genügt. Ich war bereit. Er war allein. Die Küche war direkt vom Garten aus zu erreichen. Ich würde die Küche vom Garten aus betreten. Wenn er dann gegen Abend in die Küche kommen würde, um sich etwas Wurst auf einen Teller zu legen, würde ich hinter der Tür stehen, würde warten, bis er das große Brotmesser in der Hand hätte, dann würde ich ihn hart anrufen. Ich glaubte, das sei eine Möglichkeit. Das fiebernde Kind auch. Es schrie. Es blies Blockflöte. Eine Materialschlacht war im Gang. Die Sahne, die Somme, die Granaten, die Bordelle, die Flügelschatten, die Federn, die Beine, die Perlen, die Wölbungen, die Risse, das Blut, die Schwärze, der Gestank, der Gestank. Sie hätten mir ja auch mal unter die Arme greifen können. Ich konnte nicht mehr. Unter diesen Umständen. Unter allen Umständen. Umständehalber. Durch unvorhergesehene Umstände gezwungen sah ich mich. Jetzt wurde es mir klar, daß ich kein 25jähriges Betriebsjubiläum bei den Vereinigten Stahlwerken feiern konnte. Ich war eben andauernd erkältet gewesen, das war’s. Ich habe lang genug in feuchten Gegenden gewohnt. Ich hatte nichts mehr dagegen. Es mußte allerdings ein sehr kleines Loch sein. Ich wollte es mir zumindest durch den Kopf gehen lassen. Ich war ganz in Gedanken versunken. Das Wasser schlug über uns zusammen. Das Konzerthaus gab einen Ton von sich. Die Butterbrote schaukelten. Mir fehlte ein Finger. Ich preßte den Teller gegen meine Brust. Grüne Besucher gingen über uns hinweg. Es war vorbei. Das ist ja das Schöne am Leben. Es schepperte, daß man sein eigenes Wort nicht verstand. Darf ich Ihnen nachgießen? Ich rief: Ist das ein Motiv. Sie verstand mich nicht, Der Krach war schon zu groß. Ich nahm noch einmal alle Kräfte zusammen und schrie noch einmal, ob das ein Motiv sei. Aber es war schon zu spät.