Von Walter Hallsfein

Nirgendwo, vielleicht von der Landwirtschaftspolitik abgesehen, sind wir so unmittelbar – Auge in Auge – mit der Zukunft konfrontiert wie auf dem Gebiet der Technologie. Für die Politik der Staaten war der Weg weit und mußte schnell zurückgelegt werden. Die wissenschaftliche Forschung und Lehre waren kraft der Autonomie der Universitäten und Hochschulen frei, der Staat auf die Finanzierung beschränkt. Angewandte Forschung und technische Entwicklung waren im wesentlichen Sache der Industrie, die sich dieser Aufgabe mit Dynamik und großem Erfolg annahm. Die umfassende Intervention des Staates begann im Bereich der militärischen Rüstung (in der Luftfahrt- und Nachrichtentechnik), der übrigens seine Bedeutung für die gesamte Entwicklung nicht nur nicht verloren, sondern eher ausgedehnt hat. Bald waren alle Zukunftsindustrien ergriffen.

Die Thematik verdankt dem Problem der "technologischen Lücke", das heißt des großen wissenschaftlichen Abstandes zwischen Amerika und Europa, eine starke Aktualisierung, Politisierung und nicht zuletzt auch Europäisierung. In Europa ist man beunruhigt durch die beherrschende Stellung Amerikas in der wissenschaftlichen Gesamtleistung und durch die daraus folgende europäische Abhängigkeit, besonders auch auf Gebieten von militärischer Bedeutung. Auch die Abwanderung europäischer Intelligenzen ("brain drain") und das Eindringen amerikanischer Unternehmungen mit gewaltigen geschäftlichen und finanziellen Hilfsquellen in den europäischen Markt erregen Besorgnis. Die Erkenntnis brach sich rasch Bahn, daß die Zusammenfassung, das "pooling" von Menschen und Mitteln das zentrale Problem, die Verbindung von Disziplinen, von Apparaturen, von Märkten notwendig war. Und der Ausschuß für mittelfristige Wirtschaftspolitik der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft fand offene Ohren mit dem Hinweis: "Wenn die sechs Länder so, wie sie es vermutlich seit einer Generation gewesen sind, die Hauptimporteure von Erfindung und die Hauptexporteure von Intelligenz bleiben, verurteilen sie sich selbst zu einer kumulativen Unterentwicklung, die bald ihren Niedergang unheilbar machen wird."

Damit ist das europäische Problem gestellt: eine gemeinschaftliche Lösung, und zwar auf die Dauer unter Einschluß Großbritanniens. Ihr Ziel ist nicht ein europäischer Protektionismus. Das Ziel ist Wettbewerbsfähigkeit. Wenn immer wieder auf die Überlegenheit der Amerikaner aufmerksam gemacht wird, so nicht in der naiven Absicht, die Gegenwart gegen die Zukunft zu schützen. Es geschieht vielmehr deshalb, weil zur Zeit und auf unabsehbare Zeit das Maß dessen, was möglich gemacht werden muß, durch die amerikanische Leistung gesetzt wird. Es ihr gleichtun zu können, soll erreicht werden. Mit anderen Worten: Wettbewerb unter Gleichen ist das Ziel, demnach die Erfüllung einer der grundlegenden Bedingungen der atlantischen Partnerschaft, die doch das Verhältnis der beiden Kontinente bestimmen soll.

Der Kern des Problems ist der Zustand der Technologie – der technischen Wissenschaft von Forschung und Entwicklung. Man hat wissenschaftliche Forschung neben Kapital und Arbeit den dritten Produktionsfaktor der heutigen Wirtschaft genannt. In der Tat: der Arbeitsmarkt ist bei uns im wesentlichen ausgeschöpft. Wachstumsimpulse sind von daher kaum mehr zu erwarten. Zur Erhöhung der Produktivität brauchen wir die planmäßige Neuschöpfung naturwissenschaftlichen und technischen Wissens. Ihr Beitrag ist kaum meßbar (trotz amerikanischen Versuchen). Aber er ist unstreitig. Japan, das in den letzten zehn Jahren ein größeres Wachstum erreicht hat als irgendein anderes Land der Welt, verdankt dies der Konzentration auf die modernsten Produktionen. Die gleiche Erkenntnis veranlaßt die Amerikaner, und zwar Staat und Wirtschaft, zu gigantischen Aufwendungen; auch die Sowjetunion investiert gewaltige Summen darin. Die Europäer, mit etwa gleicher Bevölkerungszahl wie die Amerikaner, wenden nur ein Viertel der amerikanischen Ausgaben auf – wiederum Staat und Wirtschaft. Die Zahl der Naturwissenschaftler und Techniker in amerikanischen Forschungsstätten ist doppelt so groß wie in Europa.

Gewiß muß also moderne Technologiepolitik bei der Förderung von Forschung und Entwicklung beginnen, und zwar auf allen Gebieten. Forschungs- und Entwicklungsverträge, öffentliche Aufträge sind bewährte Mittel der Unterstützung. Aber diese Politik braucht zugleich Zusammenfassung in europäischem Rahmen.