Von Adolf Metzner

Seit geraumer Zeit taumelt der Sport in der Bundesrepublik von einer Führungskrise in die andere. Noch steht das Debakel von Athen, wo unsere ehrenamtlich tätigen Funktionäre von den cleveren DDR-Politruks mit Hilfe des Marquess of Exeter regelrecht ausgepunktet wurden, vor aller Augen, da verbreitet drei Jahre vor den Olympischen Spielen in München der Rücktritt Willi Weyers als geschäftsführender Präsident des Deutschen Sportbundes erneut Panikstimmung. "Kopflos in die siebziger Jahre", konnte der Slogan lauten.

Begonnen hat es schon im vorigen Jahr, als Georg von Opel sich von seinem Lieblingskind, der Deutschen Olympischen Gesellschaft, trennte; dann geriet Willi Daume wegen seiner Ämterfülle unter Beschuß. Er wollte nicht nur eine 10 Millionen Menschen umfassende Riesenorganisation, wie sie der Deutsche Sportbund (DSB) heute darstellt, allein führen, sondern auch noch das Nationale Olympische Komitee (NOK) und das Organisationskomitee der Olympischen Spiele 1972.

Wäre der Dortmunder Gießereibesitzer eine entscheidungsfreudige Persönlichkeit, die die Kunst des Delegierens versteht, so hätte ein solch gewagtes Experiment vielleicht glücken können. Aber wie manche Schachspieler zieht Daume erst und dann noch zögernd, wenn er in Zeitnot geraten ist. Zwar erkennt er die Entwicklungstendenzen des modernen Sportes und versucht durch große Entwürfe eine Aufbesserung des soziologischen Stellenwertes zu erreichen; aber dem unangenehmen Geschäft des Tages, das oft rasche Entschlüsse verlangt, entflieht Daume immer mehr; insbesondere vermochte er sich in dem Prestige-Zweikampf mit der DDR nicht genügend durchzusetzen. An Ideen fehlte es ihm nicht, wohl aber an Kraft, sie zu realisieren.

Zu Daumes Entlastung wurde der einstige Wasserball-Nationalspieler Willi Weyer – Innenminister von Nordrhein-Westfalen – zum geschäftsführenden Präsidenten des Deutschen Sportbundes bestellt; in ähnlicher Funktion wurde zudem der Vorsitzende des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, der Kasseler Arzt Dr. Max Danz, mit dem Mandat des geschäftsführenden NOK-Präsidenten betraut. In Duisburg wurde Danz fast zur selben Stunde, da Weyer seinen Rücktritt erklärte und sich lähmendes Entsetzen unter den Delegierten des Hauptausschusses des Deutschen Sportbundes verbreitete, von seiner eigenen Nationalmannschaft gezwungen, als Vorsitzender des Leichtathletik-Verbandes schon jetzt für Februar 1970 seinen Posten zur Verfügung zu stellen.

Von den drei wichtigsten Führungspositionen des Sportes in der Bundesrepublik ist zur Zeit eine ohne Kopf (DSB), die zweite mit einem schwer angeschlagenen Mann besetzt (NOK) und die dritte, das von Daume verwaltete Olympia-Organisationskomitee, von Gegnern in Bayern umstellt Sie wetzen schon lange die Messer, um zunächst einmal den Generalsekretär des Organisationskomitees, Kunze, zu stürzen und sich dann den Präsidenten selbst vorzunehmen. Wahrhaftig, eine düstere Situation drei Jahre vor den Münchner Spielen.

Was mag nun einen gewiegten Politiker wie Willi Weyer, dessen Herz am Sport hängt, bewogen haben, in solcher Art sein Amt hinzuwerfen? Die Behauptung, Weyer habe Daume über seinen Schritt vorher unterrichtet, stimmt nicht; er äußerte sich aber kritisch über das ihm zugedachte halbe Mandat. Weyers Rücktrittserklärung überraschte dann den ahnungslosen Daume, der die Versammlung bereits verlassen hatte.