Für zweihundert Reisende im Nachtschnellzug Prag–Paris endete am letzten Donnerstag die Fahrt bereits im Grenzort Eger: Von tschechoslowakischen Bahnbeamten und Polizisten unsanft aus "kapitalistischen" Urlaubsträumen geschreckt, sahen sie sich unversehens auf den Boden sozialistischer "Realität" zurückgeholt: Durch Regierungsbeschluß hatten über Nacht alle Ausreisevisa für westliche Länder ihre Gültigkeit verloren. Für die Fahrgäste stand bereits ein Gegenzug nach Prag unter Dampf.

Zwar erläuterte Staatssekretär Jan Majer den "außerordentlichen Charakter" der rigorosen .Ausreisesperre als eine von der katastrophalen Devisenlage diktierte Maßnahme, aber die generelle Beschränkung auf "Dienstreisen" und Gruppenfahrten sowie das Verbot von Verwandtenbesuchen wenden sich offensichtlich vor allem gegen jene 100 000 Tschechoslowaken, die sich bereits vorsorglich im Besitz von Ausreisegenehmigungen befanden, ohne von ihnen aber bislang Gebrauch zu machen.

Husaks Furcht vor einer wirtschaftlichen Auszehrung des Landes ist groß. Immerhin leben schon rund 50 000 ČSSR-Bürger im Ausland; 43 Prozent von ihnen ließen ihren Aufenthalt bei den zuständigen Botschaften legalisieren. Von einer Amnestie bis zum 15. September machten hingegen nur wenige Gebrauch: sechshundert Tschechoslowaken folgten dem Aufruf von Staatspräsident Svoboda und kehrten in ihre Heimat zurück. Bei dem weitaus größten Teil jener Bürger, die sich seit dem 21. August 1968 "illegal" im Ausland aufhalten, hat der Appell an sozialistische Treue und Heimatgefühl nicht gewirkt.

Die Genossen auf der Prager Burg kämpfen aber nicht nur gegen die Flucht in den Westen an. Unter den Arbeitern wächst, nachdem auch der wirtschaftliche Reformkurs liquidiert wurde, die Unlust. Die Produktion läuft schleppend, Warenknappheit und Versorgungsschwierigkeiten kennzeichnen die tschechoslowakische Situation wie einst. Die unter Dubček eingeführte Fünf-Tage-Woche ist heute, so schreibt die Prager Zeitung Lidova Democracie, wieder ein "Luxus, den wir uns nicht leisten können". Die Rückkehr zur Sechs-Tage-Woche ist daher nur noch eine Frage der Zeit.

Auch der Zeitplan des langsamen, aber unaufhaltsamen Abstiegs der Reformpolitiker und ihrer Anhänger scheint – bis auf kleine Korrekturen – erfüllt zu sein. Aus dem Gewerkschaftsrat wurden ausgeschlossen: Frantisek Kriegel, der sich nach seiner unerschrockenen Rede für einen humanen Sozialismus, die er noch vor wenigen Monaten gehalten hat, nur noch seiner ärztlichen Arbeit am Thomayer Krankenhaus widmete; Metallarbeiterführer Vlastimir Toman, der im Januar in einem offenen Brief an Husak die Ablösung Smrkovskýs vom Amt des Präsidenten der Nationalversammlung heftig kritisierte, erklärte seinen Rücktritt; aus dem Journalistenverband wurden neun bekannte Publizisten ausgeschlossen; Zbynek Vokrouhlicky, einst Präsident des Bundes tschechoslowakischer Jugendorganisationen, verlor nun auch seinen letzten Posten als Präsident der Internationalen Studentenorganisation.

Alexander Dubček ist bis zu seiner Absetzung als Vorsitzender der föderalen Versammlung sich selbst und seinem Reformkurs treu geblieben: Er verweigerte jede Selbstkritik und widersetzte sich damit der vom Kreml diktierten Geschichtsklitterung. Der Angeklagte weigerte sich, als Kronzeuge der Anklage zu fungieren – ein unerhörter Vorgang in der kommunistischen Parteibewegung.

Doch die Weichen, um Dubček zu maßregeln, sind gestellt. Husak bereitete den ideologischen Boden vor. Seine Vorwürfe auf dem Septemberplenum der Partei richteten sich gegen die antimarxistische, nichtklassenmäßige Haltung und Kleinbürgerlichkeit seines Vorgängers, die Prawda verdichtete die Angriffe zur Definition eines "politischen Phänomens mit katastrophalen Folgen" – dem "Dubčekismus" ordnet sie alle typischen Merkmale eines "Klassenfeindes" im Innern zu: Defätismus, wo immer ein prinzipienfester Standpunkt notwendig sei; Unfähigkeit, Probleme einer marxistisch-leninistischen Analyse zu unterziehen; Verlust des Klassenstandpunktes und Unvermögen, die ČSSR unter den Bedingungen einer in Klassenlager gespaltenen Welt zu begreifen und weiterzuentwickeln.

Husak bezeichnet sich heute als ein "getäuschter" Anhänger Dubčeks. Die Augen, so beteuert er, habe ihm der sowjetische Parteichef Breschnjew zwei Monate nach der sowjetischen Invasion geöffnet. "Heute schämt sich die Partei nicht über eine Rückkehr" zur sozialistischen Haltung. Was der Moskauer Augenöffner darunter versteht, hat der neue tschechische Erziehungsminister, Jaromir Hrbek, in einer Fragebogenaktion unter seinen Ministeriumsangestellten verdeutlicht: Er fordert die Nennung aller Kollegen, die am Liberalisierungsprogramm beteiligt waren und die deshalb entlassen werden sollen.