Vor einem Jahr erhielt die westliche Welt Kenntnis von einem erstaunlichem Dokument: dem Sacharow-Memorandum. Der Erbauer der sowjetischen Wasserstoffbombe plädierte darin für eine "Konvergenz" des kapitalistischen und des kommunistischen Systems, für eine Aufeinanderzuentwicklung von Ost und West. Damit widersprach er der klassischen marxistischen These, daß der Kapitalismus am Ende zusammenbrechen, die Revolution über ihn siegen werde. Sacharow hat für seine gedankliche Kühnheit inzwischen büßen müssen; er wurde seiner einflußreichen Posten enthoben. Aber sein Geist läßt sich nicht unterdrücken.

Sacharows Kollege Pjotr Kapitza, der 75jährige Nestor der sowjetischen Physiker, vierfacher Leninpreisträger, bekannte sich jetzt auf einer Amerikareise vor der Presse ebenfalls als Anhänger der Konvergenztheorie. Die Aufeinanderzuentwicklung der Systeme sei die einzige Möglichkeit, einen großen Zusammenprall zu verhindern und zur Zusammenarbeit zu kommen. Man wird annehmen dürfen, daß in der Sowjetunion viele andere ebenso denken. In beiden Lagern setzen die Pragmatiker auf die Konvergenz.

Th. S.