Von Theo Sommer

I

In den vierziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts haben die Deutschen ihre nationale Einheit verspielt – vielleicht, wer weiß, nicht das abstrakte Recht darauf, aber in jedem Falle und auf lange Sicht die äußeren und inneren Bedingungen, unter denen sie allein möglich wäre.

In den fünfziger Jahren bezahlten die Deutschen den Preis für den von ihnen angezettelten und verlorenen Zweiten Weltkrieg. Sie merkten es nicht gleich, denn im Laufe des Kalten Krieges, der bald nach 1945 zwischen den Mächten der gegnerischen Kriegskoalition ausgebrochen war, avancierten Westdeutsche und Ostdeutsche auf verschiedenen Seiten zu Gastsiegern. Unversehens sahen sie sich aus dem Stande des Verlierers in den Rang des Verbündeten erhoben. Wohl wurde Deutschland Haupteinsatz, Hauptfront und – durch den scharfen Schnitt, der es

längs der Linie Lübeck–Hof in zwei Teile trennte – Hauptopfer des Ost-West-Konflikts, doch mochte das den Regierungen in Bonn und Ostberlin als zeitweiliger Schönheitsfehler erscheinen, der spätestens mit dem Sieg im Kalten Krieg, auf den beide zählten, würde behoben werden. Daß die Teilung Deutschlands zwischen Ost und West nichts anderes war als eine besonders unerbittliche Form jener Zerstückelung und Bestrafung, die dem Lande nach allem, was es Europa und der Welt angetan hatte, sowieso geblüht hätte, ging damals kaum jemandem auf. Wäre es gleich in den ersten Nachkriegsjahren zu einem Friedensvertrag mit Deutschland gekommen – das Versailler Diktat hätte sich neben ihm wie ein Monument der Milde und des Großmuts ausgenommen, und die Deutschen, in jenen dürren Trümmersommern und eisigen Reparationswintern, hätten jegliche Art von Verstümmelung hilflos, kraftlos und freundlos, bar aller vorbringbaren mildernden Umstände, an sich geschehen lassen müssen. Der Ausbruch des Kalten Krieges ersparte dies wenigstens den Westdeutschen; in seinen ideologischen Schützengräben fanden sie Deckung vor der eigenen Vergangenheit. Die Ostdeutschen, zunehmend abgeschnürt und zwangssowjetisiert, blieben allein auf den Folgen der Niederlage sitzen. Der Kalte Krieg gestattete es der Bundesrepublik obendrein, sich unbekümmert um die Hypothek von 1945 einen neuen Rechtsstandpunkt zuzulegen: einen Anspruch auf Wiedervereinigung (ja sogar auf Rückgabe, mindestens jedoch Nichtabtretung der im Vorgriff auf einen punischen Frieden bereits an Polen und die Sowjetunion gefallenen Ostgebiete). Mit der Anerkennung dieses Rechtsstandpunktes erhandelten sich die Westmächte Bonns Bundesgenossenschaft im Konflikt mit dem Osten; dabei stellten sie die Durchsetzung dieses Standpunktes mit Hilfe einer "Politik der Stärke" in Aussicht. Ein spiegelverkehrter Rechtsstandpunkt, mit entsprechender Abstützung auf die Sowjets und ihre Satelliten, entwickelte sich unterdessen in Ostberlin.

In den sechziger Jahren zerstoben die Illusionen. Nach dem Schock des Berliner Mauerbaus

vom August 1961 setzte sich bei den Deutschen, beiderlei Deutschen, allmählich die Einsicht in die Unabänderlichkeit der Teilung durch. Die Ostdeutschen begannen, sich mit dem SED-Regime abzufinden, sich mit ihm zu arrangieren; nach und nach fanden sich auch die Westdeutschen dazu bereit. In der Bundesrepublik gewann die Erkenntnis Boden, daß angesichts der Machtlage mit einem noch so schönen Rechtsstandpunkt nichts anzufangen sei und in einem nach Osten hineinwirkenden Sinne auch nichts mit der Politik der Stärke; daß die Teilung Deutschlands keine vorübergehende Erscheinung sei, sondern, eine geschichtliche Gegebenheit, mit deren Dauerhaftigkeit gerechnet werden müsse, daß der Kälte Krieg die Gegensätze zwischen den beiden Deutschland nur verhärten könne.