Das Sportwunder in der DDR

Von Rolf Kunkel

Die jüngsten sportlichen Erfolge der DDR, besonders bei den Leichtathletik-Europameisterschaften in Athen, haben in der Bundesrepublik ein recht zwiespältiges Echo hervorgerufen. In die Anerkennung der beispiellosen Leistung mitteldeutscher Sportler, die zum XX. Jahrestag drüben als Helden der Nation gefeiert werden, mischt sich das Unbehagen darüber, daß unsere Gesellschaftsform eine ähnliche Welle sportlicher Rekorde und Medaillen zumindest auf absehbare Zeit nicht ermöglicht. Trotz einer dreimal so großen Bevölkerungszahl und trotz gewisser Anstrengungen sind die Sportverbände der Bundesrepublik nicht in der Lage, mit der jenseits der Elbe zu beobachtenden Leistungsexplosion auch nur in etwa Schritt zu halten. In den Augen der Welt ist die Bundesrepublik in dieser auf dem Sportplatz ausgetragenen Auseinandersetzung der beiden Teile Deutschlands eindeutig unterlegen.

Drei Jahre vor den Olympischen Spielen in München ist das für manchen eine unerträgliche Situation. Andere wiederum gehen mit dem Hinweis darüber hinweg, hier würden unter ganz verschiedenen Voraussetzungen sportliche Leistungen erzielt, die objektiv nicht miteinander zu vergleichen sind. Das ist sicher ein begründeter Standpunkt, nur kann er nicht befriedigen. Denn der Höchstleistungssport – unabhängig davon, wie er zustande kommt – vermag heute ein Maß an nationalem Prestige zu erreichen, von dem weder der Mann auf der Straße noch der Staat unbeeindruckt bleiben können. Der Soziologe Professor Mitscherlich hat das einmal so gesagt: "Die Rolle des Sports in der modernen Gesellschaft ist eben alles andere als nebensächlich oder pures Privatvergnügen."

Heute triumphiert die sportliche Aufrüstung überall. Daß dieser Prozeß in Form und Ergebnis unterschiedlich verläuft, liegt an den verschiedenen politischen, wirtschaftlichen und sogar religiösen Verhältnissen jedes einzelnen Landes. In Deutschland ist die Konfrontation der Gesellschaftsformen besonders augenfällig: hier parlamentarische Demokratie, dort totalitäres System – hier Individualismus, dort Dirigismus.

Mit dem Stichwort Dirigismus ist das Sportwunder DDR jedoch nicht erklärt. Ein wesentlicher Unterschied zur Bundesrepublik besteht darin, daß die DDR die Bedeutung des Sports wesentlich früher erkannt hat. Gezielte Förderungsaktionen für den Leistungssport setzten vor 15 Jahren ein, während sich die Bundesregierung genaugenommen erst nach den Olympischen Spielen von Mexiko zu einer konsequenten Unterstützung des Spitzensports bereitfand. Der immense Zeitvorsprung in der Ausbildung einer großen Zahl von qualifizierten Übungsleitern und Trainern, im Aufbau modernster Leistungszentren und wissenschaftlicher Institute und in der Entwicklung eines nahezu perfekten Auslesesystems trug entscheidend zum sportlichen Boom der DDR bei.

Eine weitere Ursache für den Aufstieg des DDR-Sports aus dem Nichts zur Weltklasse liegt in dem fast reibungslosen Zusammenspiel politischer, sportlicher, pädagogischer, wissenschaftlicher und planerischer Elemente. Das entscheidende Kriterium der sozialistischen Körperkultur ist ihre absolute Verschmelzung mit der Gesellschaftspolitik der SED. Als erstes Land der Welt nahm die DDR Körperkultur und Sport als Bürgerrecht in die Verfassung auf. Eine Partei, die der Gesellschaft mit einem totalen Führungsanspruch gegenübertritt, duldet keine autonomen Verbände oder Institutionen. Sie bedient sich ihrer vielmehr, um die Menschen zu aktivieren und in ihrem Sinne zu formen. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist die organisatorische Erfassung der Bevölkerung. Zu diesem Zweck wurde ein Auslesesystem entwickelt, durch das sportliche Talente auf allen Ebenen aufgespürt, erfaßt und gefördert werden, so daß praktisch kein veranlagter junger Mensch unentdeckt bleibt.