Seine Berufung hatte nichts Spektakuläres. Der neue Boß kam vor bald zehn Jahren nach Art des Hauses auf leisen Sohlen. Einige Jahre lang galt Dr. Anton Ernstberger bei der mit vielen guten und weniger guten Traditionen behafteten Bayerischen Hypotheken- und Wechselbank als "Geheimtip" für die Zukunft. Lange schon saß er am Vorstandstisch in Münchens Theatinerstraße, als er die bodenständigen Bekenntließ. mancher älteren Kollegen über sich ergehen ließ. So etwa den im März 1964 vor Journalisten gesprochenen Satz, "Bleibe im Lande und nähre dich redlich", mit dem damals die Kritik an der mangelnden internationalen Orientierung der allzu konservativen Bank pariert werden sollte.

Wenn man Ernstberger, der dies schweigend hinnahm, ohne eine Miene zu verziehen, mit verstecktem Vorwurf fragte, wie lange es denn in diesem Trott noch weitergehehen solle, dann lächelte er nur vielsagend: ,,Meine Zeit ist noch nicht gekommen." Aus seinem Freundeskreis wurde ein Ausspruch von ihm kolportiert, die Hypo sei eine so gute Bank, daß sie notfalls auch einige Zeit ganz ohne Vorstand auskommen könne. Doch schon zu jener Zeit stellte Ernstberger, wie Kenner der internen Vorgänge wohl wußten, die Weichen für eine neue Entwicklungsphase der heute 134 Jahre alten Bank, die mit einer Bilanzsumme von fast 12 Milliarden Mark unter den privaten Kreditinstituten der Bundesrepublik an vierter Stelle rangiert. Diese Phase ist überraschend schnell verwirklicht worden. Seit Ernstberger vor einem Jahr auch offiziell ins erste Glied vorgerückt ist und als Sprecher der Bankabteilung des gemischten Instituts nun praktisch die Richtlinien der Geschäftspolitik bestimmt, hat sich bei dem Schmuckstück der weißblauen Geldwirtschaft schon mehr geändert als in langen zwanzig Jahren zuvor.

So wenigstens will es dem Betrachter scheinen, dem sich plötzlich ein gewandeltes Image präsentiert: Gab man sich bisher bei der Hypo vornehm zurückhaltend, im Stil umständlich, rundum schwerfällig, wurden an allen Ecken und Enden Kompetenzprobleme sichtbar, so soll nun alles modern, aufgeschlossen und menschlich anmuten.

Zeitgemäße Slogans werden verfaßt, und der Stil der fortschrittlicheren Bayerischen Vereinsbank wird bewußt, wenn auch nicht immer gekonnt, nachgeahmt. Selbst vor Abwerbungen scheute man nicht zurück. Das um einige stellvertretende Vorstandsmitglieder erweiterte und verjüngte Management unter Ernstbergers Leitung schickt sich an, überall kräftig mitzumischen. Die einst so verpönte Publicity wird groß geschrieben.

Der 59jährige "Toni" Ernstberger aber offenbart als Bankier und Konzernstratege ein Format, das seine Konkurrenten nicht nur in München aus der Ruhe bringt. Mit viel barockem Charme und einem gesunden Humor, der mitunter an Ludwig Thoma erinnert, verbindet Ernstberger harten Realitätssinn und weltweiten Blick. Er strebt ein klares, festumrissenes Konzept an, läßt Alternativen offen und die Konakte nach allen Seiten spielen. Sein sachlich fundierter Ehrgeiz geht dahin, die Hypo-Bank aus dem engen Umkreis einer wenn auch riesigen Regionalbank herauszuführen und als neue Großbank zu ertablieren. Ein Netz von Niederlassungen jenseits der bayerischen Grenzpfähle ist streng nach Plan im Aufbau begriffen.

Bisher war Ernstberger kein Freund großer Auftritte in der Öffentlichkeit. Er blieb lieber im Hintergrund und führte von dort aus virtuos Regie. Aber um der Bank willen, deren Chefstuhl ihm der heute als Aufsichtsratsvorsitzender fungierende "grand old man" Max Geiger sozusagen untergeschoben hat, macht er sich gern zum Vorrufer einer Publicity, die ihm allmählich auch Spaß bereitet. Seine Transaktionen sorgen gerade in diesen Tagen für Schlagzeilen in der Wirtschaftspresse, sei es das gentleman’s agreement mit Hermann Dr. Krages, dem er das Majoritätspaket bei der Zellstoffabrik Waldhof abkaufen will, oder der Erwerb einer maßgeblichen Beteiligung an der Schultheiss-Brauerei AG in Berlin. Zellwald will er mit den Aschaffenburger Zellstoffwerken AG fusionieren, wo er den Aufsichtsratsvorsitz innehat. Und Schultheiss soll offensichtlich Brückenkopf für eine forcierte Aktivität im deutschen Brauereiwesen werden.

Aschzell war für den gewiegten Taktiker und Pragmatiker die erste schwere Aufgabe, die er im Frühjahr 1963 bei der Hypo übernehmen mußte, sozusagen sein Testfall, um sich für Höheres zu qualifizieren. Die roten Zahlen in der Bilanz des "Aschenputtels" der deutschen Zellstoffindustrie verdarben ihm zwar oft die gute Laune, regten aber seine Kombinationsfreudigkeit an ("Man kann nicht nur gute Sachen haben"). Schon vor drei Jahren warb er für die Fusion mit Waldhof, scheiterte aber, weil andere sich klüger dünkten. Doch dafür holte er den schwedischen Konzern Svenska Cellulosa AB als Sachkundigen und mitverantwortlichen Großaktionär herein.