Hannover

Hannovers SDSler freuten sich. "Es hat einige Zeit gedauert, bis die Studentenrevolte auf die Technischen Universitäten übergegriffen hat. Jetzt ist es soweit. Zumindest in den Architekturabteilungen wird sich eine permanente Revolte entwickeln."

Die optimistische Prognose ist hergeleitet von dem unerwarteten Echo, das ein Aufruf zum Boykott der Prüfungen bei hannoverschen Architekturstudenten fand. Morgens um neun sollten 56 junge Leute ihr Vordiplom ablegen. In der Nacht zuvor montierten sie den Aushängekasten ab, in dem die Prüfungstermine angeschlagen waren, und malten den Professoren ein Menetekel an die Wand: "Ihr kriegt euern Kasten erst wieder, wenn die Prüfungen nach unseren Bedingungen stattfinden. Eure rote Mafia." Statt sich zur Prüfung einzufinden, besetzte die "Mafia" – bestehend aus 48 der 56 Vordiplomanden – anschließend den Lehrstuhl des Prüfers.

Die Professoren wollen sich, wie es scheint, einstweilen drein schicken. Einige erklärten ganz offen, auch sie hielten nicht viel von Prüfungen, seien aber verpflichtet, sie abzuhalten. Die Diplomanden: "Wir haben die Prüfungsordnung studiert. Danach sind zumindest Prüfungen alten Stils nicht Bedingung."

Die Studenten sehen keinen Sinn mehr darin, wie bisher individuell Fakten zu lernen und sich diese dann abfragen zu lassen. Der Architekt der Zukunft sei kein einzelner mehr, sondern Mitglied eines Teams: "Ihm müssen Soziologen, Psychologen und andere Gesellschaftswissenschaftler als gleichberechtigte Partner angehören." Nur so könne eine menschenfeindliche Bauweise vermieden werden. Endziel sei die Konsumentenkontrolle: "Nicht bloß Sozialwissenschaftler, sondern – zum Beispiel – die Bewohner selbst sollen mit darüber entscheiden, wie ihre Wohnsiedlung einmal aussehen soll. Heute baut man Siedlungen lediglich nach dem Gesichtspunkt der Profitmaximierung."

Damit das anders wird, sollen die Architekturstudenten künftig schon während der Ausbildung an Teamarbeit gewöhnt werden. Sozialwissenschaftler und Architekten sollen Studienaufgaben gemeinsam erarbeiten. "Das bedeutet, es ist sinnlos, einzelne zu prüfen. Nur Gruppen können geprüft werden." Differenzierende Noten sollen nicht verliehen werden – die Gefahr, für politische Haltung zensuriert zu werden, wäre zu groß. "Eine Arbeit soll angenommen oder abgelehnt werden. Das genügt."

Selbständig arbeitende Teams könnten, nach Meinung der Studenten, die Professoren an den Rand des Ausbildungsprozesses verweisen. "Wir wissen heute schon viel mehr über die gesellschaftlichen Funktionen der oder jener architektonischen Konvention als unsere technokratischen Professoren. Diese werden schließlich ganz überflüssig sein." Mit Erreichung dieses Ziels wären dann Prüfungen vollends sinnlos: "Dann wird jeder Student sich ausweisen können und müssen durch die vorzeigbare Arbeit, die er in dem Team geleistet hat."