München

Im Juli 1968 regten sich im SPD-Kreisverband Freising die ersten Stimmen, mich als Kandidatin für die Bundestagswahl auf den Schild zu heben. Sicher hoffte man, mit einer Frau als Kandidaten für den Wahlkreis 209 (München-Land / Erding / Freising) einen besseren Platz auf der Landesliste zu erhaschen. Hätte dieselbe Überlegung bereits ein Jahr früher eingesetzt, und hätte man alle Kräfte angespannt, mich bekanntzumachen, vielleicht säße ich jetzt in Bonn. So bin ich nun aber keine Abgeordnete geworden – zur Freude meiner Kinder und zum Leidwesen meiner Parteifreunde, die mich in den vergangenen Monaten so eifrig unterstützten.

Bis zu meiner Nominierung im November 1968 kannte ich niemand. Noch Anfang Dezember 1968, als in München über die Reihenfolge der Südbayerischen Kandidaten für die Landesliste beraten wurde, wußte man nicht mehr über mich als: zwei Kinder hat sie, das dritte bekommt sie gerade. Um diese nicht gerade erschöpfend: Kenntnis zu vertiefen, fragte man mich später, seit wann ich denn SPD-Mitglied sei. Mein; Antwort: "Seit 1965", hinterließ keine groß; Befriedigung. Ich war ein Außenseiter mit den vielzitierten "Blitzstart".

Einen guten Wahlkampf führen heißt bei den Sozialdemokraten zunächst, die eigenen Genossen davon zu überzeugen, daß sie einen besseren Kandidaten noch niemals hatten. Das war anfangs nicht leicht, zumal ich bis zur Geburt meines dritten Kindes Ende März nicht viel unternehmen konnte.

Nach Ostern begab ich mich dann aufs Land. Ich hielt an jedem Wochenende Frühschoppen ab und Abendveranstaltungen. Von Mal zu Mal mit größerem Erfolg. "Guat hat’s g’redt, dös Deandl", lobten die Bauern und Arbeiter, beklatschten mit Bravorufen das Ende einer Halbstundenrede und waren erstaunt über die Kenntnis, mit der ich über Rentenfragen, Agrarpreise, Kindergeld und Steuerreform diskutierte. Sie begeisterten sich an meiner Schlagfertigkeit gegenüber penetranten Gegnern. Der Besuch unsere: Veranstaltungen wuchs an, und bei den weit weniger gut besuchten Versammlungen der CSU verständigte sich die Publikumsmeinung, der bessere Kandidat sei wohl die Frau von der SPD.

Wir, das heißt meine so eminent fleißigen Wahlhelfer und ich, gingen mit großem Optimismus auf den Wahltag zu und rechneten mi. einem etwa fünfprozentigen Stimmengewinn.

Das Ergebnis war ernüchternd: Die CSU hatte zwar um 5,1 Prozentpunkte verloren, allerdings überwiegend an die Bayernpartei. Die SPD hatte insgesamt 3,1 Prozentpunkte an Zweitstimmen, ich als Kandidatin 3,2 Prozentpunkte Erststimmen hinzugewinnen können. Weit weniger als wir erwartet hatten. So schnell geht’s offensichtlich in einem ländlichen Wahlkreis also nicht. Ein treuer CSU-Wähler ist zwar zu spontaner Zustimmung bereit, seine Stimme zählt aber ers: dann nicht mehr die Union, wenn er tot ist.