Nicht nur in Deutschland, sondern auch in unseren Nachbarländern nimmt die Mehrheit der "Normalaktionäre" auf den Hauptversammlungen der Aktiengesellschaften ihre Stimmrechte nicht persönlich wahr. Welche Vertretungssysteme haben die übrigen Mitgliedsländer der EWG, um den Gefahren von Zufallsmehrheiten in den Hauptversammlungen zu begegnen und die Kontinuität der Geschäftspolitik zu sichern?

Außer in Italien, wo es den Statuten der Aktiengesellschaften freisteht, ob sie Aktionärsvertreter auf ihren Hauptversammlungen zulassen oder nicht, gewähren die übrigen Länder jedem Aktionär das unentziehbare Recht auf Entsendung eines Vertreters in die Hauptversammlungen, an denen er nicht teilnehmen kann oder will. In Frankreich, Belgien und Luxemburg ist die Wahl des Vertreters eingeschränkt. Der Vertreter muß hier ebenfalls Aktionär der betreffenden Gesellschaft sein. In allen Ländern ist es zwingend erforderlich, daß der Aktionär eine schriftliche Vollmacht erteilt.

In der ZEIT Nr. 28 machte Dr. Wilhelm Vallenthin, Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, den Vorschlag, das in Deutschland übliche Depotstimmrecht durch das sogenannte Verwaltungsstimmrecht zu ersetzen. Dieser Vorschlag knüpft an die in Frankreich, Belgien und Luxemburg geübte Praxis an, wo die Aktionäre tatsächlich die Mitglieder der Verwaltungsorgane mit der Stimmrechtsausübung beauftragen. Diese treten also als Stimmrechtsvertreter der Publikumsaktionäre auf.

Verwaltung muß zahlen

In Frankreich umwerben die Verwaltungen der Aktiengesellschaften die Aktionäre. Das ist wichtig, weil Abstimmungen auf einer ordentlichen Hauptversammlung nämlich nur dann gültig sind, wenn eine Mindestpräsenz von einem Viertel des stimmberechtigten Grundkapitals nachgewiesen wird. Ist das nicht der Fall, muß die Hauptversammlung ein zweites Mal einberufen werden. Da dies mit erheblichen Kosten und Umständen verbunden ist, bemühen sich die Verwaltungen verständlicherweise, möglichst viele Stimmrechtsmandate auf sich zu vereinigen, damit die benötigte Mindestpräsenz schon bei der ersten Einberufung erreicht wird.

Da die Verwaltungen ihre Aktionäre jedoch in der Regel nicht kennen, wenden sie sich an die Depotbanken und schließen mit ihnen einen Vertrag ab, in dem diese sich verpflichten, möglichst viele Vollmachten bei ihren Klienten zu sammeln. Dafür bezahlen die Verwaltungen eine angemessene Vergütung. In Frankreich spielen die Banken in diesem Zusammenhang also lediglich eine Helferrolle zwischen den Verwaltungen und den Publikumsaktionären. Sie bedienen sich hierbei sogenannter Blanko-Vollmachten, das heißt, der Aktionär setzt den Namen seines Stimmrechtsvertreters nicht selbst in das Vollmachtsformular ein. Wenn die Banken die Urkunden gesammelt und an die Verwaltungen weitergegeben haben, verteilen die Verwaltungsmitglieder kurz vor Beginn der Hauptversammlung die Vollmachten unter sich auf und setzen ihren Namen in die hierfür gesetzlich vorgesehene Spalte ein. Daß bei dieser Praxis die meisten, wenn nicht alle Stimmen im Sinne der Verwaltung abgegeben werden, bedarf wohl keiner weiteren Erläuterung.

In Belgien und Luxemburg dagegen bleiben die Aktionäre, die nicht persönlich ihr Stimmrecht wahrnehmen können oder wollen, zumindest auf den jährlichen Hauptversammlungen unvertreten. Da das belgische und das luxemburgische Gesetz keine Mindestpräsenz für die Gültigkeit der Abstimmungen verlangt, besteht für die Verwaltungen keine Veranlassung, die Mühen der Stimmrechtssammlung auf sich zu nehmen oder die Depotbanken mit dieser Aufgabe zu betrauen. Nur in Ausnahmefällen, wenn es sich beispielsweise um einen Großaktionär handelt, der nicht persönlich an die Öffentlichkeit treten will, bedienen sich die Verwaltungen des sogenannten Blanko-Vollmacht-Systems. Es muß jedoch bemerkt werden, daß in Belgien die anonyme Macht der Kleinaktionäre durch die fast absolute Macht von wirtschaftlich starken Finanzgruppen ersetzt wird.