Von Marcel Reich-Ranicki

Der berufliche Weg eines jeden Schriftstellers gleicht einer hochdramatischen Geschichte. Aber ihre Dramatik können wir nie ermessen. Denn wir sehen immer nur die veröffentlichten Arbeiten und nicht die vielen vergeblichen Anläufe, die mißratenen Versuche, die Manuskripte also, die der Autor höchstens seiner Frau zeigt oder einem Freund oder dem Lektor, der als Berater und als Beichtvater fungieren muß.

Wieviel Peter Bichsel geschrieben und wieder vernichtet oder jedenfalls nicht publiziert hat, kann man sich leicht vorstellen, wenn man bedenkt, daß die drei Bücher (das allerneueste mitgerechnet) des immerhin schon vierunddreißigjährigen Schweizers alles in allem nicht einmal zweihundert Manuskriptseiten umfassen. Worauf dies vor allem zurückzuführen ist, scheint mir ganz sicher zu sein: auf die Strenge dieses Künstlers gegen sich selbst, auf seine ruhige Beharrlichkeit, die sich vom Markt nicht beirren läßt. Ich glaube, Bichsel schreibt hundert Seiten, bevor er fünf drucken läßt.

Damit hat auch zu tun, daß er erst 1964 debütierte – mit den vielsagenden und diskreten Miniaturen "Eigentlich wollte Frau Blum den Milchmann kennenlernen" –, aber sogleich von der literarischen Öffentlichkeit erkannt und anerkannt wurde.

Freilich wollte auch Bichsel wie nahezu alle, deren Domäne die kleine Prosaform ist, unbedingt einen Roman schreiben: Was er jedoch 1967 unter dem Titel "Die Jahreszeiten" vorlegte, schien mir sehr angestrengt und an einem Stich einerseits ins Infantile und andererseits ins Kokette zu kranken. Die Anmut der Natürlichkeit, die in seinem Erstling viele von uns bezauberte, hatte der inzwischen mehrfach preisgekrönte Autor schon eingebüßt.

Jetzt zeigt sich, daß er das Modische, das mich an den "Jahreszeiten" am meisten gestört hatte, rasch zu überwinden vermochte. Wieder kommt er ohne Pose und Verstellung, abermals gelingt ihm das Einfachste und Schwierigste: zu schreiben, wie ihm der Schnabel gewachsen ist –

Peter Bichsel: "Kindergeschichten"; Edition Otto F. Walter, Hermann Luchterhand Verlag, Neuwied; 92 S., Ln. 12,80 DM, kart. 7,80 DM.